Beerdigung der Opfer des Palmsonntag-Attentats in Alexandria: Die Angehörigen werden nach Waffen durchsucht. © Amr Abdallah Dalsh/Reuters

Die Reise eines Papstes in ein Land, das mehr als 500-mal im Alten und im Neuen Testament erwähnt wird, muss immer zu tektonischen religiösen wie politischen Bewegungen führen – weit über den Nahen Osten hinaus. Der bevorstehende Besuch von Papst Franziskus am Ufer des Nils am 28. und 29. April als der zweite neuzeitliche Papstbesuch in Ägypten überhaupt (nach der Reise von Johannes Paul II.) stellt das Oberhaupt der katholischen Kirche in jedem Fall vor immense Herausforderungen. Gleichzeitig öffnet bereits die Tatsache der Reise ein neues Kapitel des interreligiösen Dialogs.

Ägypten ist ein bedeutsamer Schauplatz in der Heiligen Schrift – und dort mindestens zweimal ein herausragender Ort der Zuflucht: Dorthin flüchtete im Alten Testament die Familie Josephs vor dem Hunger, und dort fand im Neuen Testament die Heilige Familie Asyl auf der Flucht vor Herodes. Nicht zu vergessen: Gott gab Moses auf Berg Sinai die Zehn Gebote, und ebendort befindet sich mit dem um 550 n. Chr. gegründeten Katharinenkloster das älteste immer noch bewohnte Kloster des Christentums. Ägypten ist auch heute noch Heimat einer der ältesten christlichen Gemeinschaften, der Kopten. Und die Erwartungen ebendieser Gemeinde muss der bevorstehende Papstbesuch erfüllen; denn die Kopten erhoffen sich von Franziskus Beistand in einer ganz schwierigen Lage: Knapp zwei Wochen vor dem Papstbesuch sind bei IS-Anschlägen auf Kirchen in Alexandria und Tanta mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen.

Die jüngsten Angriffe sind Teil einer Welle blutiger Gewalttaten, die die christliche Minderheit in den letzten Jahren erleiden musste. Die Gewalt gegen Christen in Ägypten ist zwar nicht neu – christliche Häuser, Kirchen und heilige Orte sind immer wieder niedergebrannt und zerstört worden. Laut dem ägyptischen Menschenrechtsforscher Samuel Tadros erleiden die Kopten jetzt jedoch die brutalste Gewaltwelle seit dem 14. Jahrhundert.

Mit den unfassbaren Selbstmordanschlägen in den koptischen Kirchen von Tanta und Alexandria Anfang dieses Monats wollten die Täter und ihre Hintermänner aus dem Umfeld des sogenannten Islamischen Staates eine klare Nachricht senden: Für euch Kopten gibt es in Ägypten keinen Platz und keine Zukunft! Das betrifft immerhin rund zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung – annähernd zehn Millionen Menschen. Seit dem Einzug des Islam in der frühen Neuzeit lebt die koptische Gemeinde mit der muslimischen Mehrheit zusammen, oft friedlich. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert engagierten sich viele Kopten als Juristen, Beamte und Politiker im ägyptischen Staat. Boutros Boutros-Ghali, der ägyptische Generalsekretär der Vereinten Nationen, war Kopte, wie auch sein Vater, seinerseits ein Premierminister Ägyptens. Doch die jüngste Anschlagsserie hat dieses Zusammenleben für manche infrage gestellt.

In dieser aufgewühlten Atmosphäre reist der Heilige Vater nach Kairo, in eine Stadt mit einmaliger Dichte von staatlichen und religiösen Autoritäten: den Staatsinstitutionen der Arabischen Republik Ägypten, dem Großscheich der Al-Azhar-Universität, Ahmad Mohammed al-Tayyeb, als geistlichem Oberhaupt von rund 90 Prozent aller Muslime – der Sunniten – und dem Oberhaupt der koptischen Christen, Papst Tawadros II. Das Zusammenleben der großen Weltreligionen von Christentum und Islam wird nicht unmaßgeblich geprägt von den Zukunftschancen der zahlenmäßig größten verbliebenen christlichen Religionsgemeinschaft in Nordafrika: der Kopten. Sollte eine Mehrheit der christlichen Kopten in einem muslimisch geprägten Ägypten keine Perspektive für sichere Religionsausübung sehen und dem Land den Rücken kehren, wäre das eine kaum wiedergutzumachende Katastrophe für das Verhältnis beider abrahamitischen Weltreligionen.

Und für eine Verbesserung dieses Verhältnisses mit der muslimischen Welt hat sich Papst Franziskus seit seinem Amtseinzug eingesetzt. So wird er in Kairo auf einer internationalen Friedenskonferenz sprechen und sich mit dem Großimam Al-Tayyeb treffen, der die Unversität Al-Azhar leitet. Al-Azhar gilt als theologische Autorität im sunnitischen Islam. Die Beziehung zwischen Al-Azhar und dem Vatikan war unterkühlt, bis sich Papst Franziskus in Rom mit dem Großimam traf – eine Begegnung, bei der die beiden Männer sich schließlich umarmten.

Wegen der Lage der Kopten und wegen des Verhältnisses zwischen Christentum und Islam ist die Reise von Papst Franziskus strategisch klug, mutig, nicht ohne Risiko, aber die richtige Antwort nach den Mordanschlägen. Vor wenigen Wochen hatte ich selbst in Kairo die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit den drei staatlichen und religiösen Autoritäten: Papst Tawadros II., Großscheich Al-Tayyeb und Staatspräsident Abdel Fattah al-Sissi sowie dem Parlamentspräsidenten, Ministern, Abgeordneten und Leitern christlicher Klöster. Und diese Begegnungen haben auch mir verdeutlicht, wie wichtig ein Ausbau des Dialogs ist.

Diese Reise des Papstes birgt keine Gefahr einer unzulässigen Unterstützung der ägyptischen Regierung, wie manche meinen. Um es klar zu sagen: Der koptische Papst Tawadros II. und viele Christen unterstützen Präsident Al-Sissi im Machtkampf gegen extremistische Islamisten – was die Gemeinschaft aber wiederum umso mehr zur Zielscheibe für diese Feinde der Religionsfreiheit machte. Angesichts der oft heftigen Kritik aus Europa an der Demokratiepraxis in Ägypten kann man nur entgegnen: Kaum ein anderer Staatspräsident in der Region hat sein eigenes Schicksal mit Fortschritten bei der Religionsfreiheit verknüpft wie Al-Sissi. Und auch für die Kopten gilt: Eine andere Regierungskonstellation würde von vielen als Höchstrisiko gesehen.