Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Es ist das elfte Gebot für alle, die reden oder schreiben: Du sollst keine Nazi-, Hitler- oder KZ-Vergleiche machen. Nie. Denn das geht immer schief, so wie "immer" und "nie" sagen schiefgeht. Ganz gleich, wie tief die Wut oder die Empörung und wie groß das Bedürfnis, Menschen aufzurütteln und Unrecht beim Namen zu nennen. Wer hier Analogien sucht, setzt sich selbst ins Unrecht. Selbst wenn es der Papst wäre. Der ist es diesmal. Er hat das elfte Gebot übertreten, sehenden Auges, mit Blick auf die Gemeinde, die der Märtyrer der Kirche gedachte. Wehe euch, wenn ihr die Märtyrer nur in der Vergangenheit seht, in weihevoller Erinnerung, hat er sich gedacht. Die Opfer von heute seht an, vor allem die Flüchtlinge in den Lagern und Hotspots an den europäischen Außengrenzen. Der Papst ist der prominenteste Anwalt derer, die auf ihrer Reise im überfüllten Niemandsland gestrandet sind, mit nackter Haut dem Mittelmeer entronnen. Sie leben oft unter fürchterlichen Bedingungen, denn die Lager sind überfüllt, die hygienischen Zustände unerträglich, und Verzweiflung verbreitet sich wie eine Infektion. Gut, dass er uns immer wieder daran erinnert.

Doch die Flüchtlinge werden nicht von den Europäern in ein Konzentrationslager gesperrt, um sie zu vernichten. Man kann viel sagen über die Flüchtlingspolitik der Europäer, aber der Vergleich setzt den Sprecher ins Unrecht – und führt dazu, dass das Anliegen nicht durchdringt. Und wenn Franziskus dann noch eine andere Rechnung aufmacht: Dazu, ruft er der Weltgemeinde zu, kriegt ihr westlichen Frauen auch keine Kinder. Keine Flüchtlinge, keine Kinder, das ist Selbstmord, rufst du in heiligem Zorn – sorry, Heiliger Vater, das ist nun wirklich eine unheilige Allianz, die du da in deine Predigt eingebaut hast. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Es stimmt ja: Das Elend der Menschen, die vor Krieg, Arbeitslosigkeit, Hunger und Perspektivlosigkeit fliehen, darf uns in Europa nicht kaltlassen. Aber zwischen unterlassener Hilfeleistung und migrationspolitischer Fantasielosigkeit auf der einen und vorsätzlichem Massenmord auf der anderen Seite gibt es einen himmelweiten Unterschied. Und was ist eigentlich mit den Diktatoren und den Schleppermillionären, die ihre Völker ausbeuten, verfolgen und mit falschen Versprechungen in die Hölle schicken? Vielleicht wäre das mal ein Thema für die nächste Predigt.