Frage: Frau Goldmann, wie kann ein Stück Stoff so sehr die Gemüter erhitzen?

Miriam Goldmann: Es geht ja nicht um irgendein Stück Stoff. Der Gebrauch macht den Unterschied. Das Kopftuch bietet unheimlich viel Fläche zur Projektion. Auch die vielen kulturellen Missverständnisse spielen eine Rolle. In Deutschland ist in Vergessenheit geraten, dass noch unsere Großmütter ganz selbstverständlich Kopftuch getragen haben. Das hatte praktische Gründe, keine religiösen. Viele Musliminnen handhaben das heute zum Teil genauso.

Frage: Das Kopftuch ist auch für Musliminnen ein praktisches und kein religiöses Accessoire?

Goldmann: Ja. Oft drücken Frauen damit weniger eine religiöse als eine kulturelle Zugehörigkeit aus, wenn sie etwa aus Regionen kommen, in denen es noch viel länger üblich war oder noch immer üblich ist. Das Kopftuch ist nicht immer ein dezidiertes Bekenntnis zum Glauben und auch nicht immer politisch. Auch kann es natürlich sein, dass gerade jüngere Musliminnen das Kopftuch einen Tag politisch verstehen und an einem anderen Tag tragen, weil sie es einfach schön finden. Von einer sogenannten türkischen Bindung lässt sich zudem nicht darauf schließen, dass die Trägerin tatsächlich Türkin ist. Die jungen Frauen spielen damit. Man muss also ins Gespräch kommen.

Frage: Auch in vielen muslimisch geprägten Regionen war das Kopftuch lange verschwunden und ist dann wiedergekommen. Halten Sie es für möglich, dass es auch in Deutschland wieder weitere Verbreitung findet?

Die Judaistin Miriam Goldmann ist Kuratorin der Ausstellung "Cherchez la femme", die noch bis zum 2. Juli im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen ist. © Jule Roehr/Jüdisches Museum Berlin

Goldmann: Ich hoffe nicht unter vergleichbaren Vorzeichen wie etwa im Iran. Wir gehen davon aus, dass Frauen selbst entscheiden, was sie tragen. Diesen Fortschritt wollen wir nicht mehr missen. Und wir billigen auch allen anderen zu, ihre Kleidung selbst zu wählen. Es ist kaum vorstellbar, dass sich dieses Rad zurückdreht.

Frage: Na ja, es sind nicht gerade wenige, die das Kopftuch gerne verbieten würden.

Goldmann: Das liegt wieder an einem kulturellen Missverständnis, denke ich. Junge Frauen, die ein Kopftuch tragen, stoßen ja nicht selten auch in ihrer Familie auf Ablehnung. Die Verhüllung des Haars ist eine Provokation in alle Richtungen. Es wird deshalb oft mit dem Punk verglichen. Eine begrüßenswerte Haltung, wie ich finde. Dafür ist die Jugend da: Sie darf provozieren.

Frage: Die meisten, die sich religiös kleiden, wollen überhaupt nicht provozieren oder müssen sogar Gewalt fürchten. Manch jüdischer Mann trägt einen Hut über der Kippa, um nicht als Jude erkannt zu werden.

Goldmann: Der Grund für diese Angst heißt Antisemitismus. Juden und Muslime verbindet, dass sie ihren Glauben nach außen tragen, der durch Rituale und äußere Kennzeichen erkennbar ist. Dazu gehört die Kopfbedeckung. Das unterscheidet sie deutlich vom Christentum, das sich sehr viel mehr durch Innerlichkeit auszeichnet. Die jüdische Kopfbedeckung für Frauen provoziert niemanden, weil sie für die allermeisten unsichtbar ist oder höchstens etwas verschroben wirkt.

Frage: Sie meinen den sogenannten Scheitel, eine Perücke, die als Kopfbedeckung getragen wird?

Goldmann: Ja, darüber regt sich niemand auf.

Frage: Der Scheitel ist mir 2010 in Israel zum ersten Mal begegnet. Damals, noch mit wenig Verständnis für das Judentum, dachte ich: Ist das nicht eine Art, sich durch die Gesetze zu schummeln?

Goldmann: Es geht im Judentum darum, die Regeln zu befolgen. Das ist mit einer Perücke gewährleistet. Manch jüdische Gruppe lehnt die Perücke als Kopfbedeckung ab, weil niemand in die Verlegenheit kommen soll zu denken, eine Frau befolge die Regeln nicht. Dem begegnen orthodoxe Frauen damit, dass sie auf die Perücke noch etwas aufsetzen, sei es ein Fascinator oder ein Haarband.

Frage: Also aus Respekt vor den anderen?

Goldmann: Sie wollen ihren guten Ruf nicht riskieren. Es geht ja um soziale Gruppen, in denen immer auch eine gewisse soziale Kontrolle herrscht. Hält sich eine Frau nicht an die Regeln, hat das Auswirkungen für die ganze Familie. Daraus auszubrechen ist nicht so leicht. Aber es gibt Spielraum. Die Verhüllung ist in Judentum und Islam kein religiöses Gesetz. In der hebräischen Bibel gibt es kein Gebot, den Kopf zu bedecken, lediglich Stellen, aus denen sich ein solches Gebot ableiten lässt. Im Koran ist das ähnlich. Die Kopfbedeckung ist ein Brauch, der sich über Jahrhunderte konsolidiert hat, der natürlich von männlichen Gelehrten ausgelegt und betont und für immer wichtiger erklärt wurde. Wer sich aber davon abgrenzen will, hat die Schriften auf seiner Seite.