Dass es sich bei den 700.000 nicht einfach bloß um eine wackelige Berechnung oder schlechte Schätzung handelt, bestätigt Stefan Hauf vom Statistischen Bundesamt. Schon die Angabe von 400.000 Frauen entbehre einer reellen Grundlage. "Die hat nach Meinung von Fachleuten die Prostituierten-Vereinigung Hydra in die Welt gesetzt, möglicherweise schon bei ihrer Gründung Mitte der Achtziger", sagt der Statistikexperte. "Wahrscheinlich ist sie nicht sehr faktenbasiert." Für Nichtstatistiker übersetzt: eher erfunden.

Beispiel Armut: 15,7 Prozent der Deutschen sind arm – so verkündet es der Paritätische Wohlfahrtsverband im März in seinem jüngsten Armutsbericht. Für ihn ist arm, wer weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens verdient. Median, das ist der Wert, den die Hälfte der Bevölkerung überschreitet und die Hälfte der Bevölkerung unterschreitet. Wer genau das Median-Einkommen verdient, hat also genauso viele Mehrverdiener über wie Minderverdiener unter sich. Nur: Dieser Wert misst die Ungleichheit der Einkommensverteilung – nicht die Armut. Bereits zum dritten Mal kritisieren Zahlenexperten den Wohlfahrtsverband dafür, mit dem falschen Maß zu arbeiten, und zwar in der "Unstatistik des Monats". Darin zerpflücken der Statistiker Walter Krämer, der Psychologe Gerd Gigerenzer und der Ökonom Thomas Bauer schlecht gemachte Statistiken und falsche Interpretationen, Monat für Monat. Und der Stoff geht ihnen nicht aus.

Hier kritisiert Krämer: Um tatsächlich Armut zu messen, müsse man definieren, was ein Mensch zum menschenwürdigen Leben brauche, das sei aber viel komplizierter, als einen Median auszurechnen. Die falsche Zahl ist aber nicht nur eine Vereinfachung, sie ist eine Zuspitzung. Sie erweckt einen Eindruck, an dem die Wohlfahrtsverbände durchaus ein Interesse haben. "Es gibt eine Armutslobby", sagt Krämer. "Die verdient Geld damit, dass Leute arm sind."

8,4% der Frauen, die eine Vergewaltigung anzeigen, erleben auch die Verurteilung des Angeklagten. Früher lag der Anteil deutlich höher. Aber wer setzt solche Zahlen in die Welt? Und warum?

Beispiel Vergewaltigung: Nur 8,4 Prozent der Anzeigen wegen Vergewaltigung führen zu einer Verurteilung – nicht einmal jede zehnte! Diese Zahl setzte der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe für eine Kampagne zur Verschärfung des Strafrechts ein. Sie beruht aber auf höchst unseriösen Zählungen, hinter denen – wie es aussieht – Absicht steckt. Und politisches Interesse.

47% der Arbeitsplätze soll die Digitalisierung bis 2030 vernichten. Aber wie kommt dieser Wert zustande?

Beispiel Arbeitsplätze: Fast die Hälfte der Jobs könnte durch künstliche Intelligenz vernichtet werden – diese Zahl geistert durch viele Medien. Sie stammt aus einer Studie des Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne von der Universität Oxford. Bloß: Für diese Studie hatten die beiden Wissenschaftler schlicht zehn Robotik- und Computerforscher zum Gespräch eingeladen. Die Experten schätzten für 70 Berufe, wie leicht diese sich künftig automatisieren lassen würden. Dann rechneten die beiden Autoren diese Schätzung auf 700 Berufe hoch (ZEIT Nr. 11/17). Expertenschätzung plus Hochrechnung = große Aufregung – eine Kalkulation, die sehr oft aufgeht. Und häufig kommt (wie auch in diesem Fall) das Phänomen der "Stillen Post" hinzu: Die Zahl wurde wieder und wieder zitiert, vom Spiegel, von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, von der Süddeutschen Zeitung, vom Tagesspiegel, von der Wirtschaftswoche und auch von der ZEIT. Wie sie zustande gekommen war, diese entscheidende Information ging dabei allerdings verloren.

Beispiel Auto-Abstinenz: "Eine große Mehrheit der Deutschen will nicht mehr so stark auf das Auto angewiesen sein." Diese Aussage präsentierte das Bundesumweltministerium soeben als Ergebnis seiner aktuellen Umweltbewusstseinsstudie . Danach war aber überhaupt nicht gefragt worden. Den Leuten war lediglich folgende ebenso umständliche wie ungenaue Frage gestellt worden: "Unsere Städte und Gemeinden werden gezielt so entwickelt, dass die/der Einzelne kaum noch auf ein Auto angewiesen ist [...]. Bitte geben Sie an, ob die Idee für Sie persönlich sehr viel, etwas, eher wenig oder überhaupt nichts zu einem guten Leben beitragen kann." Tatsächlich kreuzten 56 Prozent der Befragten "sehr viel" und 35 Prozent "etwas" an. Das bedeutet aber weder, dass sie nicht mehr so stark aufs Auto angewiesen sein wollen – noch, dass sie gar weniger Auto fahren würden. Eine bewusst falsche Interpretation also, die zu einer falschen Aussage führt. Und das ist kein Ausrutscher: Solche "Umfrageergebnisse" veröffentlicht das Umweltministerium in Serie, immer mit dem hauspolitisch opportunen Tenor, die Deutschen wünschten sich mehr Umweltschutz. Wie praktisch – lassen die Zahlen die Mission des Ministeriums doch als gesellschaftlich höchst erwünscht erscheinen.