Gestern Abend Oper, heute früh Kümmern um die jüngste Tochter, die die Weisheitszähne gezogen bekam: Am Tag des ZEIT-Gesprächs hat Nicola Leibinger-Kammüller, 57, nicht mal die allmorgendliche Bibellosung, die alle in der Familie lesen sollen, zur Kenntnis genommen. Es geht auch so. Die Chefin des Maschinenbau-, Laser- und Softwareunternehmens Trumpf in Ditzingen bei Stuttgart redet mal Mundart, mal Hochdeutsch, mal umgangssprachlich, mal gebildet. Sie ist eben eine schwäbische Mutter von vier Kindern und eine Sprachwissenschaftlerin mit Doktortitel.

Ende 2005 bestimmte der Patriarch und langjährige Chef Berthold Leibinger sie zu seiner Nachfolgerin – und nicht ihren Bruder oder ihren Ehemann, die beide ebenfalls in der Geschäftsführung arbeiten. In der Branche gab es Zweifel an der Frau, die so gar keine Ingenieurin ist oder sein will. Doch obwohl Umsatz und Ergebnis nach der Finanzkrise einbrachen, hat sich unter ihrer Ägide das Geschäft fast verdoppelt. Außerdem hat Trumpf in den vergangenen Jahren eine eigene Bank und ein Softwarehaus eröffnet. Heute gilt Nicola Leibinger-Kammüller als die deutsche Vorzeigeunternehmerin schlechthin. Besser kann es eigentlich nicht werden. Wie geht sie damit um?

DIE ZEIT:Angela Merkel, Christine Lagarde, Ivanka Trump – und Sie: Am Dienstag haben Sie mit globalen Berühmtheiten auf dem Frauengipfel in Berlin diskutiert. Wie war’s?

Nicola Leibinger-Kammüller: Eigentlich liegen mir solche Frauenveranstaltungen nicht, aber dieses Panel war schon eine besondere Erfahrung. Da spürt man das Lampenfieber mehr als sonst. Ich war auch wirklich beeindruckt von der Kraft und Hingabe, mit der dort diskutiert wurde.

ZEIT: Vorzeigeunternehmerin heißen Sie oft in den Medien. Schwaben-Madonna. Lichtgestalt. Das ist sonst nur Franz Beckenbauer gewesen. Finden Sie das schön?

Leibinger-Kammüller: Ich finde es übertrieben.

ZEIT: Was macht das mit Ihnen?

Leibinger-Kammüller: Ich denke: Gut, dass wir im Unternehmen als Gesamtkunstwerk so erfolgreich sind! Und klasse, dass man auch viel damit bewirken und Türen öffnen kann, wenn es um gesellschaftspolitische Themen geht. Aber dann denke ich, um Himmels willen, wenn die eines Tages draufkommen, wie ich wirklich bin ... (lacht)

ZEIT: Reden wir darüber, wie Sie sind, als Unternehmerin. Es war kurz nach dem Lehman-Crash. Sie waren die neue Chefin von Trumpf und sagten: Wir halten durch und entlassen keinen Mitarbeiter. Woher kam diese Entschlossenheit?

Leibinger-Kammüller: Die Entscheidung, dass wir niemanden entlassen, musste gar nicht diskutiert werden. Die war uns mitgegeben von daheim. Unser Vater sagte immer: Man muss alles probieren, bevor man Mitarbeiter entlässt. Und wenn nichts anderes mehr geht, muss man es sozialgerecht machen.

ZEIT: Die Weltwirtschaft schien einzustürzen.

Leibinger-Kammüller: Im Maschinenbau gab es ja immer Krisen, aber nie zuvor hatten wir sie fast gleichzeitig, auf jedem Erdteil, in jedem Land, mit der höchsten Intensität. Und trotzdem dachten wir, grundoptimistisch wie wir sind als Unternehmer: Ewig kann es nicht gehen.

ZEIT: Ihre Familie hat damals 75 Millionen Euro aus dem Eigenkapital hinzugeschossen.

Leibinger-Kammüller: Das war ein symbolischer Akt. Wir wollten als Familie zeigen, dass wir zur Firma stehen. Wir mussten keine Kredite bedienen oder Ähnliches. Wir haben dann die Arbeitszeiten heruntergefahren, die Mitarbeiter haben ihre Stundenkonten abgebaut. Dann erst kam die Kurzarbeit. Und hier haben wir gesagt – und das ist vielleicht ein bisschen schwäbisch: Es geht doch nicht, dass man nur drei Tage in der Woche arbeitet, dann kommt man womöglich auf dumme Gedanken. So viele Zäune zu streichen und so viele Dachböden auszubauen gab es für unsere Mitarbeiter zu Hause auch nicht. Also haben wir uns entschlossen, sie weiter auszubilden. Und zwar nicht innerhalb des eigenen Fachbereichs. Wir haben Praktika in der Küche angeboten oder im Controlling oder in der Logistik, haben die Vertriebler in die Produktion geschickt. Und wir haben die Arbeitsagentur davon überzeugt, dass man das finanziell attraktiv machen kann. Das ging dann am Ende auch über die Bundeskanzlerin, die sofort erkannt hat, welches Potenzial darin liegt, wenn man solche Ideen fördert.