Manchmal bin ich Manufactum-Kunde. Oder besuche Nudelmanufakturen in Berlin-Mitte. Betrete jene Art Läden, in denen es leicht nach Holzstaub duftet und Verkäufer jedes handgeformte Stück Bioseife in fair gehandeltes Packpapier aus zertifiziertem Anbau einschlagen, während sie Gedichte vortragen. Dann erscheint die Welt so einfach und reduziert. So als wäre ich tief mit mir im Reinen, der Endlichkeit der globalen Ressourcen ebenso bewusst wie meiner Verantwortung für künftige Generationen. Dann sage ich: Qualität gewinnt. Und weniger ist mehr.

Dann kommt die Werbung und mit ihr die Realität. Und siehe da: Weniger ist nicht mehr. Mehr ist mehr. Und zwar mehr als je zuvor.

Die Datenbank slogans.de veröffentlicht regelmäßig die 100 am häufigsten verwendeten Wörter aus allen Werbeslogans im deutschsprachigen Raum. Das ist sehr interessant. Vor 1950 stand das Wort "mehr" noch auf Platz 82, aber das war nach dem Krieg, und da war für viele nicht wichtig, mehr von etwas, sondern überhaupt irgendwas zu haben. Mit dem Wirtschaftswunder änderte sich das. In den Fünfzigern stieg "mehr" auf Platz 20, in den Sechzigern auf Platz 14. In den Siebzigern erreichte es Rang drei, doch erst jetzt, 2017, kam es ganz nach oben. Es gibt also immer mehr mehr und weniger weniger in der Werbung, wo ich doch eigentlich angenommen hätte, es müsste längst mehr weniger vorkommen und dafür weniger mehr. War aber ein Irrtum.

Liest man die fünf derzeit beliebtesten Werbewörter einfach hintereinander weg, ergibt das übrigens "Mehr Einfach Your Alles Leben". In den Jahren des Wirtschaftswunders hätte das Oma nicht einmal auf ihr allerletztes Küchenhandtuch gestickt. Heute erinnert es an die ironische Coverversion von deutschem Bedeutungspop, die Jan Böhmermann kürzlich veröffentlichte. Das ist aber auch das Einzige, wovon ich persönlich mehr gebrauchen kann.