Barrierefrei ist auch die kindgerechteste Opernaufführung nie. Die erste Barriere, die von der Hamburger Staatsoper vor den Besuch ihrer Kurzfassung von Mozarts Zauberflöte gesetzt wurde, besteht in der freien Platzwahl. Freie Platzwahl bedeutet immer Drängelei, und Drängelei bedeutet ängstliches Anstehen für die beste Startposition.

Allerdings sind es gewiss nicht die Kinder, die den Beschluss fassen würden, an einem regnerischen Nachmittag eine halbe Stunde und mehr vor der Zeit zum Schlangestehen zu kommen. Es sind die Eltern respektive Großeltern, die alle Vernunft und sämtliche Benimmregeln fahren lassen, wenn es nur darum geht, der geliebten Brut den besten Platz zu sichern.

Indes zeigt sich, kaum sind die Horden in dem dunklen Quader der Probebühne eingefallen, dass es beste Plätze in dem Zuschauerrund gar nicht gibt; man sitzt überall gut beziehungsweise muss überall den Hals verdrehen, um den Videoprojektionen an den Wänden und den Auftritten der Sänger zu folgen. Es gibt keine Bühne im klassischen Sinne, das Spiel findet mitten unter den Zuschauern statt. Der Chor sitzt sogar, fürs Erste unerkennbar, frei im Publikum verteilt.

Georges Delnon, der Intendant der Staatsoper, hat auf fröhliche Weise alle Mittel des modernen Regietheaters eingesetzt, um Johannes Harneits Kinderfassung der Oper in Fluss zu bringen. Gut verständlich strömt sie deswegen noch nicht, aber das liegt an der Ungereimtheit der Originalhandlung, die auch nicht einsichtiger wird, wenn man sie in die Jetztwelt jugendlicher Streetgangs versetzt. Wahrscheinlich ist es sogar umgekehrt, und als Märchen lässt sich die schlecht motivierte Kette von Prüfungen, der die Liebenden ausgesetzt sind, leichter akzeptieren, als wenn ein realistischer Hintergrund von halbkriminellen Machenschaften behauptet wird und aus Sarastro und Monostatos Türsteher und Mädchenentführer gemacht werden.

Gut ausgedacht ist die Neufassung mit dem Titel Erzittre, feiger Bösewicht! trotzdem. Richtig würdigen könnte sie allerdings nur der erwachsene Kenner des ursprünglichen Librettos; an Kindern rauscht sie befremdlich vorüber wie jede originalgetreue Aufführung.

Nur nicht so lang: Der Clou ist die Kürzung. Es ist gelungen, das verschlungene Werk auf kaum mehr als eine Stunde zu trimmen, und siehe da: Es geht nichts verloren – außer der Musik der gestrichenen Nummern selbstverständlich. Aber die verbleibenden Herzstücke der Partitur genügen, um den ganzen Zauber zu entfalten, und erst recht, wenn sie mit so viel federnder Energie dirigiert werden, wie es hier Kent Nagano tut, der von einem Eckchen aus das Ensemble von Mitgliedern des Mendelssohn-Jugendorchesters und der operneigenen Orchesterakademie mit übersprudelnd guter Laune ansteckt.

Überhaupt verwandelt sich hier die Zauberflöte, aller freimaurerischen Geheimnistuerei entkleidet, in einen großen Spaß mit Nonsense-Elementen. Tamino entscheidet sich für seine Geliebte durch Wisch-und-weg auf einer Smartphone-App. Die da, die da oder die da? Die Pamina könnte es sein – und tatsächlich, sie wird es. Nur Erwachsene könnten sich daran stören, und konsequenterweise sind denn auch alle Rollen so verteilt, dass sich die Dramaturgie an der Altersgrenze ausrichtet. Die Alten (Sarastro, Monostatos, Königin der Nacht) stören, die verliebte Jugend (Tamino und Pamina, Papageno und Papagena) muss sich zu ihrem Glück durchmogeln.

Das entspricht der Lebenserfahrung von Teenies, dürfte indes den Horizont der kindlichen Zuschauer übersteigen, die zumindest in der besuchten Vorstellung größtenteils noch weit von jeder Pubertät entfernt waren. (Später kommen sie wahrscheinlich nicht mehr willig in die Oper mit.) Wirksam dagegen dürfte die Jugendlichkeit der Mitwirkenden sein, noch diesseits der dreißig sind der Schweizer Sascha Emanuel Kramer, der mit betörendem Schmelz den Tamino sang, und die Südkoreanerin Norea Son, die verblüffend virtuos Pamina gab.

Wurde Mozart also verbogen, um dem Nachwuchs zu schmeicheln? Keineswegs. Erstens befreit sich Mozarts Musik immer von selbst, sogar von den Fesseln der Pädagogik. Zweitens ist hier alles, auch regieseitig, von dem Spaß an der großen Musik inspiriert. Und dieser Spaß teilt sich unmittelbar mit, auch wenn es in dem Probenraum manchmal klirrt und scheppert und einige Kinder sich die Ohren zuhalten – aber nur, um schon im nächsten Moment wieder andächtig zu lauschen, mit offenem Mund vor lauter Überwältigung.