Heilige Drei Könige, Mariä Himmelfahrt, Fronleichnam, Allerheiligen. Vier Feiertage, die Hamburg nicht hat, aber Bayern, und deshalb ist jetzt eine unselige Debatte im Gange. Ein zusätzlicher Gedenktag für den Norden, sozusagen als Ländererholungsausgleich. Die Kirche ist dafür, der DGB auch, die CDU, die Linken und Teile der Grünen. Sie alle liegen falsch. In jeder Hinsicht.

Schon die Arithmetik ist schief. Wenn man anfängt gegenzurechnen, an wie vielen Tagen seit der deutschen Staatsgründung 1949 die Bayern in der Kneipe saßen oder beim Skifahren waren, während die Hamburger geschuftet haben, dann müsste die Stadt vermutlich drei Jahre frei machen. Ein Tag wäre viel zu wenig.

Das Feiertagsverhältnis von Hamburg und Bayern ist wie eine Beziehung, in der einer immer aufsteht und die Kinder in die Kita bringt, und der andere bleibt liegen und sagt, ich hab eine religiöse Erscheinung, aber ab zehn bin ich für einen Cappuccino ansprechbar. In solchen Fällen trennt man sich irgendwann, oder es heißt: payback time, baby.

Wie gesagt: drei Jahre.

Mindestens.

Was für ein Tag soll das überhaupt sein? Welches Datum? Michael Werner-Boelz, der Vorsitzende der Grünen-Bezirksfraktion Hamburg-Nord, empfiehlt den 23. Mai, den Tag, an dem das Grundgesetz erlassen worden ist. Keine schlechte Idee, zumal die Bayern die Verfassung damals, 1949, nicht ratifiziert haben. Das wäre wenigstens ein Feiertag, bei dem die Münchner nichts zu melden hätten.

Ein leerer, mit Aktivität aufzufüllender Zeithorizont würde viele verwirren

Aber auch die Gewerkschaften und die Kirchen müssten Vorschläge machen. Es ist gar nicht so leicht, einen coolen Feiertag im DGB-Stil zu finden. Der Geburtstag von Lech Wałęsa? Der Am-Samstag-gehört-Papi-mir-Tag (womöglich ein Samstag)? Schwierig.

Vielleicht haben die Kirchen eine Idee, ein Datum mit spirituellem Biss. Wäre ein Feiertag einfach nur da, damit man frei hat, dann müsste er Freitag heißen, und Freitag ist der Tag vor Samstag, das geht nicht. Deshalb was Altes, Ehrwürdiges, man muss schon ein bisschen leiden an so einem Tag. Die Fraktionschefin der Hamburger FDP, Katja Suding, hat das begriffen. Sie sagt: "Ein Feiertag hat in erster Linie den Sinn, eines besonderen Ereignisses zu gedenken oder einen bestimmten Anlass zu feiern und eben nicht nur einfach einen weiteren freien Tag zu haben."

Einkehr also, Besinnung, Kasteiung womöglich. Luther als Leitmotiv, das würde gut passen hier im Norden. Thesenanschlag-Tuesday. Oder einen Tag, an dem sich alle verbindlich einen kurzen Pony schneiden lassen. An einem neuen Feiertag müsste Hamburg sich selber in die Pflicht nehmen, der Enthemmung der Stadt Einhalt gebieten. Das Laisser-faire hat sich in den vergangenen Jahren massiv ausgebreitet , die Reeperbahn mit ihren Junggesellenabschieden franst mittlerweile aus bis in die Mitte von Eimsbüttel.

Feiertag bedeutet inzwischen: am Abend vorher viel trinken und sich am nächsten Morgen freuen, dass man die Brückentage clever ausgeschöpft hat. Nein, wenn schon ein Feiertag, dann sollte er zumindest in Hamburg etwas haben, was die Menschen zusammenführt und herausfordert.

An einem neuen Feiertag müsste die Stadt sich etwas vornehmen, was richtig Ätzendes, Steuererklärung auf den Knien, Latein-Nachhilfe für wohlstandsverwahrloste Kids aus Othmarschen. Der neue Feiertag müsste sich anfühlen wie eine Zahnreinigung. Währenddessen ätzend, aber das Ergebnis ist gut. Vielleicht koordiniert man das Ganze tatsächlich mit der Prophylaxe-Industrie. Alle haben frei, und alle über 40 gehen zur Darmspiegelung.

SPD-Fraktionschef Andreas Dressel hat gesagt, einen zusätzlichen Feiertag solle man "sorgfältig abwägen", Schnellschüsse seien "ungeeignet". Was der Mann vermutlich meinte, sich aber nicht zu sagen traute: Hamburg ist nicht der Ort für Pausen. Zu viel freie Zeit entspricht nicht der hiesigen Mentalität. Letztlich wäre mancher damit überfordert.

Ein leerer, mit Aktivität aufzufüllender Horizont würde uns nur verwirren. Wir kämen auf komische Gedanken, würden merkwürdige Sachen planen. Wie erschöpfte Eltern es machen: Die Kinder sind aus dem Haus, und dann wird alles zu Tode renoviert. Am Ende gäbe es verchromte Gehwege am Jungfernstieg und einen Tunnel unter der Alster.

Deshalb muss es genau in die andere Richtung gehen. Wir sagen uns los vom Süden mit seiner laxen "Ich will meine Kinder auch unter der Woche mal ins Bett bringen"-Mentalität. Wir machen nicht mit bei der Flip-Flopisierung der Republik. Den Brunchbuffetschlemmern und Café-Hockern rufen wir zu: Klar habt ihr mit 45 noch keinen Bypass, aber wir sind die Lokomotive im Land. Und wir ziehen nicht nur den Zug, wir ziehen den ganzen Bahnhof!

Am Arbeitsplatz ist es sowieso schöner. Man ist gut gekleidet, und es ist aufgeräumt

Dann suchen wir uns ein paar Bundesländer, die mit uns nach vorne wollen, und diejenigen, die schon ein Rautenmuster am Hintern haben, vom vielen In-der-Hängematte-Liegen, die sollen dann ohne uns ihre Kreuzfahrtmentalität ausleben. Geht doch nach Kambodscha (26 Feiertage) oder Nepal (28 Feiertage), wenn euch die Work-Life-Balance so wichtig ist.

Die deutsche Wirtschaft boomt, mehr als 43 Millionen Menschen haben Arbeit. Damit das so bleibt, dürfen wir jetzt nicht nachlassen. Gerade in Hamburg nicht. Erinnern wir uns an die Schulzeit, jeden zweiten Samstag Unterricht, erste, zweite Stunde Mathe. Hat es uns denn geschadet? In diesem Sinne verzichten wir ab jetzt kollektiv auf die Sonntage. Weihnachten und Pfingsten werden reduziert. Auf einen Tag, mehr verkraften die meisten Ehen auch gar nicht.

Im Grundgesetz, im aus der Weimarer Reichsverfassung von 1919 stammenden Artikel 140, heißt es, Sonn- und Feiertage "bleiben geschützt als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung". Was genau mit seelischer Erhebung gemeint ist, wird nicht ausgeführt, aber deutlich ist, dass sie mit Arbeit unvereinbar ist. Ist das nicht autoritär und einem modernen Gemeinwesen gar nicht mehr angemessen?

Anders gefragt: Ist es denn so toll zu Hause? Ist es am Arbeitsplatz nicht sowieso schöner und angenehmer? Man ist gut gekleidet, wird ab und zu mal gelobt und steckt sich nicht mit den Kita-Viren der Kinder an. Es ist immer aufgeräumt. Es ist immer Papier im Drucker. Und wenn was kaputt ist, ruft man den Systemadministrator an.

Wen ruft man am Feiertag an?

Mutti.

"Was, ihr seid noch nicht losgefahren?!"