Wenn es in diesem Zuge gelingt, die Befriedung der Ostukraine und die Umsetzung der Minsker Beschlüsse zu erreichen, wenn Moskaus Ernsthaftigkeit bei der Achtung von internationalen Vereinbarungen und Grundsätzen erkennbar ist, wird der Ausstieg aus den Sanktionen möglich. Eine amerikanisch-russische Verständigung sollte Europa vor allem auch mit Blick auf den Nahen Osten unterstützen. Eine gemeinsame Strategie im Umgang mit dem Iran und mit der Gefahr nuklearer Proliferation, Gemeinsamkeit beim Kampf gegen den islamistischen Terrorismus und beim Ruhen der Waffen im syrischen Bürgerkrieg ist in unserem Interesse.

Die dritte Antwort fällt uns Deutschen sehr viel schwerer. Gerade meiner Partei, das gebe ich zu. Aber sie wird unausweichlich. In dem Maße, in dem die US-Außenpolitik ein eher gleichgültiges oder jedenfalls auf Eigennutz berechnetes Verhältnis zu unseren Systemen kollektiver Sicherheit entwickelt, muss Europa selbst das Vakuum füllen. Das erfordert ganz unmittelbar die vielleicht schockierende Einsicht, dass uns niemand hilft, wenn wir uns nicht selbst zu helfen wissen. Europas Sicherheit liegt in Europas eigener Verantwortung. Wir müssen außen- und sicherheitspolitisch strategie- und handlungsfähig werden, denn wir sind es noch nicht ausreichend.

Dazu gehört, dass wir unsere europäischen Interessen definieren und unabhängig von den USA artikulieren. Dieser Eigensinn erfordert in gewissem Maße auch die Emanzipation von Weichenstellungen, die in Washington vorgenommen werden. Die militärische Intervention im Irak, der sich Deutschland und Frankreich zu Recht verweigerten, erforderte eine Unabhängigkeit des strategischen Urteils auf unserer Seite, die manche früher als "Sonderweg" fürchteten, die aber künftig eher die Regel als die Ausnahme sein könnte.

Wer eigene Ziele hat, sollte aber auch die Fähigkeiten entwickeln, sie zu erreichen. Der europäische Arm der Nato darf nicht länger an Muskelschwund leiden. Er muss stärker werden und zupackender. Aber eben nicht allein reduziert auf höhere Rüstungsausgaben! Auch wenn Generalsuniformen die Treffen der Nato-Verteidigungspolitiker prägen, so war und ist die Nato doch zu allererst ein politisches Bündnis, das auch einen militärischen Arm hat – nicht umgekehrt. Gemeinsame Außenpolitik muss auch hier der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik vorangehen und ihr nicht hinterherlaufen.

Hier liegt auch ein Ansatz für die künftige Zusammenarbeit mit einem Großbritannien, das den Binnenmarkt der Europäischen Union verlässt. Es sollte Teil der europäischen Sicherheitsarchitektur bleiben. Doch auch die EU muss sich stärker als sicherheitspolitische Macht verstehen. Unsere Verteidigungshaushalte müssen darauf eingestellt werden. Die Ausrüstungen der europäischen Armeen müssen modernisiert, operativ einsetzbar und auf die militärischen Aufgaben neu orientiert werden – sei es die Kontrolle des Mittelmeers oder die Landverteidigung im Osten, seien es Stabilisierungsmissionen oder UN-mandatierte Kampfeinsätze zum Schutz von Menschenleben und zur Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Es wäre ein Missverständnis, zu glauben, es handle sich bei dieser Aufgabe nur darum, mehr Waffen anzuschaffen. Es geht darum, die Rüstungsindustrie in Europa stärker zu integrieren und die Kräfte zu bündeln. Es geht darum, eine gemeinsame europäische Sicherheitsidentität zu schaffen, die über immer stärker integrierte Strukturen den Weg zur europäischen Armee eröffnet.

Diesen Weg zu gehen heißt nicht, die Militarisierung unserer Außenpolitik zu betreiben. Wir Deutschen müssen uns vielmehr fragen, ob wir weiter einem funktionsfähigen System kollektiver Sicherheit in einer Gemeinschaft mit rechtsstaatlichen Demokratien angehören wollen. Wenn wir es wollen, weil genau dies die Lehre unserer Geschichte ist und unsere eigene Sicherheit am besten schützt, müssen wir die dafür erforderlichen eigenen Beiträge leisten. Europa sollte dabei die zurückhaltende und ausgleichende Friedensmacht bleiben, als die es geschätzt ist. Diese Kontinuität ist die tragende Säule einer Sicherheitsidentität, die vor allem die politischen, wirtschaftlichen, zivilgesellschaftlichen, sozialen und zunehmend auch ökologischen Bedingungen des Friedens stärken will.

Unsere vierte Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit sollte der selbstbewusste Anspruch sein, als Europäer die Globalisierung maßgeblich mitzugestalten. Wir sollten uns trauen, die globale Rolle der Europäischen Union entschieden auszubauen. Ich bin sicher, dass eine solche EU, die ihren wirklich großen Aufgaben gerecht wird, neuen Respekt und neuen Zuspruch der europäischen Bürgerinnen und Bürger erhält. Eine erste Bewährungsprobe dabei ist unsere Reaktion auf handelspolitischen Protektionismus. Stärken wir die zweite politische Brücke über den Atlantik, die uns mit Kanada verbindet!

Geben wir ein Beispiel dafür, wie wir den Auswüchsen eines regellosen Kapitalismus begegnen, mit einer neuen Generation von Handelsabkommen. Freier und fairer Handel, kein Dumping mehr von sozialen und ökologischen Standards, sondern gemeinsame Regeln auf offenen Märkten – das sollte unsere Antwort sein. Mehr denn je sollten wir uns bewusst machen, was wir mit CETA erreicht haben, und die Ratifizierung dieses guten Abkommens zur politischen Botschaft Europas gegen blinden handelspolitischen Nationalismus machen.

Europa sollte sich nicht anstecken lassen durch den neuen Ton der Verachtung, der durch die Welt geistert. Es sollte vielmehr selbst die Courage haben, der Welt ein Beispiel zu geben für Freiheit, Recht und inneren Frieden. Jetzt kommt es wirklich auf uns an.

Sigmar Gabriel: Neuvermessungen. Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 20 Euro. Erscheint am 11. Mai 2017