Auf einem steilen Berg aus Schiefer, hoch über dem Dorf Kreuzberg in der Eifel, thront eine Burg. Ihre Mauern sind aus Bruchstein, der Rundturm ist weiß verputzt. Unten plätschert die Ahr. Im Tal, das sie zwischen die Hänge mit den schroffen Felsen gefressen hat, zwängen sich Fachwerkhäuser. Auf den Straßen sind kaum Menschen zu sehen. Das Burg-Hotel hat seinen Betrieb eingestellt. Es gibt einen Bahnhof, doch bis Bonn braucht der Regionalzug eine Stunde. Die letzte Fahrt dorthin geht um 20.08 Uhr. Die große Welt scheint weit weg.

Hier, in Kreuzberg, auf der Burg, wurde Georg Freiherr von Boeselager 1951 geboren. Hier ist dieser lang geratene Mann mit der großen runden Brille aufgewachsen. Nun verschlägt es ihn nach Rom. Eines Abends, im vergangenen Dezember, fand der Volkswirt und Bankier Boeselager eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter, von Santos Kardinal Abril y Castelló, einem Mitglied der katholischen Kurie: "Sie sind berufen worden." Kurz darauf verkündete es der Heilige Stuhl offiziell. Seither gehört Georg Freiherr von Boeselager zum innersten Kern des geheimnisvollsten Instituts der Finanzwelt: der Vatikanbank.

Jener Bank, die im Vatikan in einem mittelalterlichen Wehrturm mit meterdicken Mauern sitzt. Jener Bank, die berüchtigt ist für Jahrzehnte voller Skandale, in denen es um schwarze Kassen und Geldwäsche ging, um Mafiosi, korrupte Politiker und sinistre Geistliche. Dunkel war der Schatten, den sie auf den Vatikan warf. Erst Benedikt XVI. und Papst Franziskus machten sich ans Aufräumen. Zeitweise drohte die Schließung. Inzwischen ist die Bank aus dem Gröbsten raus. In ihren Verwaltungsrat berufen zu werden, der die Strategie der Bank festlegt und die Geschäftsführung kontrolliert – das bleibt trotzdem etwas Besonderes.

"Ich habe gewaltig gezögert", sagt Georg Freiherr von Boeselager. Nicht wegen der wilden Geschichten, sondern weil er zweifelte, ob der neue Posten sich mit seiner Aufgabe als Aufsichtsratschef von Merck Finck vereinbaren lässt – der Münchner Bank, in deren Räumen er zum Gespräch lädt. Am Ende nahm er die Berufung nach Rom an, im Januar war er erstmals zu einer Sitzung im Vatikan. "Ich bin bisher positiv überrascht", sagt er im Februar, beim ersten von zwei Treffen mit der ZEIT. "Ich habe nicht den Eindruck, dass da noch etwas unter den Teppich gekehrt wird."

Wie nur wenige ist Georg Freiherr von Boeselager immer wieder zwischen der Welt des Geldes und der Welt des Glaubens hin- und hergewechselt. Gefährten, die ihn auf seinem Weg kennengelernt haben, attestieren ihm eine große innere Unabhängigkeit. Er sei "korrekt", stets "respektvoll" und "absolut unbestechlich". Große Worte. Sie passen zu dem alten katholischen Adelsgeschlecht, aus dem er stammt. Wer verstehen will, was den Freiherrn geprägt und geleitet hat, muss die Geschichte dieser Familie, vor allem die Geschichte des Vaters kennen.

Boeselagers Vater war im Widerstand – er stand kurz davor, Adolf Hitler zu erschießen

Die Wurzeln der Boeselagers liegen im Magdeburgischen. Heute ist ihr Hauptsitz die idyllisch gelegene Burg Heimerzheim mit Wassergraben und Park, etwa 30 Kilometer nördlich von der Burg Kreuzberg. Dort wuchs Philipp auf, der Vater von Georg Freiherr von Boeselager, ein gläubiger Mann, der sich im Zweiten Weltkrieg dem Widerstand gegen die Nazis anschloss, ebenso wie sein älterer Bruder.

Am 13. März 1943 wollen die beiden gemeinsam mit anderen Wehrmachtsoffizieren Adolf Hitler erschießen, bei einem Treffen mit Generalfeldmarschall Günther von Kluge im russischen Smolensk. Offiziell geht es um die Strategie der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront, doch die Verschwörer planen, auf Kommando von Philipps Bruder bei Tisch aufzustehen und auf den Führer zu feuern. Am Vorabend aber bläst Kluge den Plan ab. Als Hitler am Tag darauf erscheint, läuft Boeselager mit entsicherter Pistole hinter ihm her, nur Meter entfernt, doch er, der Kluges persönlicher Ordonnanzoffizier ist, gehorcht und hält still. Bis zu seinem Tod wird er damit hadern, nicht geschossen zu haben. "Die Pistole lag immer in seinem Nachttisch", erinnert sich der Sohn.

"Ich habe mich lange Zeit strikt geweigert, in den Orden einzutreten"

Auch am Attentat vom 20. Juli 1944 ist Philipp beteiligt. Monate zuvor hatte er Sprengstoff geliefert, am Tag selbst hält er 1.200 Mann bereit. Doch Hitler überlebt, leicht verletzt. Der Offizier fliegt nicht auf, doch die Angst, verhaftet zu werden, begleitet ihn bis zum letzten Kriegstag: "Mein Vater hatte immer eine Kapsel Zyankali dabei, weil er wusste: Folter halte ich nicht aus", erzählt Georg Freiherr von Boeselager.

Nach dem Krieg lässt sich der Vater in Kreuzberg als Burgherr nieder und gründet eine Familie. Boeselager ist der zweite Sohn. Als er geboren wird, gibt ihm der Vater den Namen Georg, nach dem älteren Bruder, der bei beiden Aktionen eine wichtige Rolle gespielt hatte und später im Krieg gefallen war. Ab und zu kommen auf der Burg andere Überlebende des Widerstands zu Besuch. Erst nach und nach wird Georg klar, wer der Vater war, denn der erzählt lieber vom Reiten oder von Soldatenstreichen.

Was Vater und Onkel geleistet haben, empfindet Boeselager nicht als Bürde: "Das ist eine andere Zeit, eine andere Welt gewesen." Er erinnert den Vater als "sehr starke Persönlichkeit mit einer enormen Autorität". Besonders beeindruckt hat ihn "diese moralische Strenge". Als Beispiel erzählt er eine Geschichte aus dem Jahr 1940: Während des Feldzugs in Frankreich hielt der Vater einen Vorgesetzten mit gezückter Waffe davon ab, ein Dorf anzugreifen. "Das war reine Befehlsverweigerung", sagt Boeselager. Sein Vater hatte dem Gegner zugesichert, erst nach dessen Abzug einzurücken: "Er wollte sein Wort gegenüber den Franzosen nicht brechen."

Weniger anfangen kann der junge Boeselager mit dem traditionsreichen Malteserorden, dem der Vater angehört. Dieser trägt zur Gründung des deutschen Malteser Hilfsdienstes bei. "Mir kam das alles zu eng vor", erinnert sich Boeselager. "Ich habe mich lange Zeit strikt geweigert, in den Orden einzutreten."

Georg streift durch die Wälder seiner Familie, über die Wege und Felder rund um die Burg. Er entdeckt die Vielfalt der Vogelwelt, die ihn bis heute fasziniert. Doch er weiß, dass er nicht bleiben kann. Erben wird die Ländereien der Erstgeborene, so will es die Tradition. "Mir war immer klar, dass ich Geld verdienen muss", sagt Boeselager.

2008 stirbt der Vater, die Burg fällt an Georgs älteren Bruder Albrecht. Der ist den Spuren des Vaters im Malteserorden gefolgt und dort heute Großkanzler, die Nummer drei. Als der Großmeister des Ordens ihn Ende 2016 absetzen will, widersetzt er sich. "Wie da mit ihm umgesprungen wurde, hat mich fürchterlich geärgert", sagt Boeselager. Erst der Papst beendet den spektakulären Machtkampf und setzt Albrecht wieder in sein Amt ein. Dass Boeselager der Banker ebendieses Papstes werden würde, erzählt er seinem Bruder erst, als die Berufung offiziell ist: "Wir sind beide eher verschwiegen." Der Baron lächelt.

Boeselager verließ Kreuzberg und studierte Volkswirtschaftslehre in Freiburg, später ging er nach Frankfurt, zum angesehenen Bankhaus Metzler. "Als er 1978 zu uns kam, haben wir uns gleich gut verstanden", erinnert sich Friedrich von Metzler, ein Bankier der alten Schule. "Aufrichtig, sympathisch und wissbegierig" sei der Neue gewesen, "immer sehr hilfsbereit". In den achtziger Jahren folgte Boeselager einem Ruf des Malteser Hilfsdienstes und wurde dessen Finanzchef. Als mitten in Frankfurt eine offene Drogenszene entstand, setzte er sich für die Vergabe von Methadon ein, die damals höchst umstritten war. Einmal noch kehrte er zum Bankhaus Metzler zurück, dann machte er sich als Vermögensverwalter selbstständig. 1997 fragte ihn der damalige Bischof von Limburg, ob er Finanzdirektor des Bistums werden wolle. Boeselager wusste, dass er dort weniger Geld verdienen würde – und sagte trotzdem zu.

"Ich habe mich lange Zeit strikt geweigert, in den Orden einzutreten."

Boeselager sei tief im Glauben verwurzelt, sagen Wegbegleiter. "Manche sitzen bei der Vesper nur auf der Bank, andere betrachten die Malerei an den Wänden. Der Freiherr hingegen ist ins Gebet versunken", sagt Susanne Zeidler. Sie sitzt im Vorstand des Finanzinvestors Deutsche Beteiligungs AG und kennt Boeselager aus dem Freundeskreis der Abtei St. Hildegard, einem Kloster bei Rüdesheim, dem er sich seit seiner Zeit im Bistum Limburg verbunden fühlt.

Schwester Philippa Rath, die die Geschäfte des Freundeskreises führt, sagt: "Er ist im besten Sinne ein liberaler Katholik, zugleich wertkonservativ und weltoffen, nüchtern und sehr humorvoll." Der Freiherr dränge sich nicht in den Vordergrund, "aber er überragt viele". Im Gespräch ist der Baron zugänglich, höflich. Anderen hält er die Tür auf.

In Rom muss Boeselager vor allem auf eines achten: Bloß keine neuen Skandale

2004 lockte wieder das Geld. Boeselager zog nach München, ging zu Merck Finck und wurde dort persönlich haftender Gesellschafter. "Sie brauchen Persönlichkeit, um einem Haus Ton und Stil zu geben. Georg erfüllt dieses Kriterium zweifellos", sagt der damalige Vorstandschef Alexander Mettenheimer, der ihn geholt hatte. Gemeinsam richteten sie die Bank mit nur 300 Mitarbeitern stärker auf wohlhabende Kunden aus. Als sie einmal unterschiedlicher Auffassung waren, verließ Mettenheimer die Bank. Doch selbst er lässt auf Boeselager nichts kommen. "Unsere Trennung hatte rein professionelle Gründe. Ich schätze ihn bis heute sehr." 2016 wechselte der Freiherr in den Aufsichtsrat.

Auch in der Vatikanbank geht es jetzt vor allem um Vermögensverwaltung. Das wichtigste dabei: Bloß keine neuen Skandale. "Geld muss dem Menschen dienen", sagt Papst Franziskus. Boeselager, sein deutscher Banker, sagt: "Es muss klare Regeln geben, und die müssen dann auch beachtet werden." Optimistisch, dass dies gelingt, stimmt ihn das Aufräumen der jüngsten Jahre, die verschärfte Kontrolle durch die Aufsicht des Vatikans und externe Experten sowie die Tatsache, dass seine Kollegen im Verwaltungsrat Finanzprofis sind – mehr als ihre Vorgänger.

Weilt er in Rom, schläft Georg Freiherr von Boeselager in Santa Marta, dem Gästehaus des Vatikans, in dem der Papst wohnt. Wenn er dort in seinem Bett liege, sagt Boeselager, halte er wie jeden Abend fünf bis zehn Minuten inne. "Da lasse ich den Tag Revue passieren und frage mich: Was habe ich richtig gemacht, was falsch?" Das, sagt Boeselager, könne er jedem nur empfehlen. Es helfe dabei, Herr über sein eigenes Leben zu bleiben.