Neulich wurde ich bezichtigt, ein Rassist zu sein. Es geschah auf offener Straße und nicht nur einmal, sondern zog sich über Wochen hin; jeden Morgen, wenn ich unterwegs zur Arbeit den Bahnhof verließ und eine große Hamburger Einkaufsstraße betrat. Dort lehnte an einer Laterne ein Plakat der SPD. Es zeigte zwei Männer mit Anzug, Krawatte und … ja … Migrationshintergrund. Unter ihren Gesichtern stand in Großbuchstaben: "WO KOMMST DU EIGENTLICH HER? Diskussion über Identität, Integration und Alltagsrassismus".

Tag für Tag sahen die beiden Männer auf dem Plakat und ich uns tief in die Augen. Ich konnte von Glück reden, dass die Anklage nur stumm erhoben wurde. In meinem Kopf hallte der Vorwurf umso lauter: ALLTAGSRASSIST!

Denn ich muss zugeben … schon das Wort "zugeben" definiert die Defensive, in die ich augenblicklich geraten war … ich muss also zugeben, dass ich die Frage "Wo kommst du eigentlich her?" in meinem Leben oft gestellt habe und sie mir in Gedanken noch öfter stelle, in leicht geänderter Variante: "Wo der wohl herkommt?" Ich frage mich das andauernd in einer Welt, die sich rasant globalisiert und eingrenzt zugleich. Und ich finde: Das macht mich nicht zum Rassisten.

Die Zeiten sind gerade so, dass viele Leserinnen und Leser dieses Artikels in diesem Augenblick vermutlich noch einmal nach dem Namen des Autors suchen – und den dann auf genau eine Frage hin analysieren: Wo der wohl herkommt? Bestimmt ein Weißer! Und ein Mann! (Vor allem jene, die es rassismusverdächtig finden, Rassismus abzustreiten, werden das tun. Eine logische Unwucht, von der noch die Rede sein wird.)

Also: Ich bin, völlig verdachtskonform, ein weißer Mann; aufgewachsen im Ruhrgebiet, am Rande einer Trabantensiedlung, in die nach der iranischen Revolution von 1979 viele vor Khomeini geflohene Familien zogen. Deren Kinder wurden meine Klassenkameraden in der Grundschule und baten mich in einem mir bis dahin unbekannten Herkunftsernst, sie keinesfalls "Iraner" zu nennen, sondern "Perser". Auf dem Gymnasium wurde dann Hakan mein bester Freund, ein Gastarbeiterkind, das fast jeden Satz mit den Worten "Bei uns in der Türkei …" begann. Nach dem Abitur fuhr ich mit dem Fahrrad nach Auschwitz, nach der Wende zog ich – nicht nur weißer Mann, sondern auch noch Wessi! – nach Ostberlin. Im Winter 2015 nahmen meine Familie und ich einen syrischen Flüchtling bei uns zu Hause auf.

Üblicherweise folgt auf solcherlei Reinwaschungsaufzählungen stets das große Rassisten-Aber. Ich habe ja türkische Freunde, aber … Ich esse ja gern indisch, aber … Ich bin ja wirklich tolerant, aber …

Hier kommt ein "und". Ich hatte also Schulfreunde aus dem Mittleren und Nahen Osten, lief als Deutscher durch ein Konzentrationslager, lebte jahrelang auf der damals noch juckenden Wiedervereinigungsnarbe, räumte für einen Syrer mein Arbeitszimmer leer … und die emotionalsten wie erkenntnisreichsten Momente folgten meist auf die Erkundigung: "Wo kommst du eigentlich her?" Ganz gleich, ob ich fragte oder gefragt wurde, wie in Auschwitz von einem Niederländer, der nach meiner Antwort zunächst nicht mehr mit mir redete, mich dann aber nach Amsterdam einlud. Es war, als öffneten sich Erdkunde- und Geschichtsbücher, als gerieten die Bilder darin in Bewegung und als begännen Zeitzeugen zu sprechen. Über Heimat und Herkunft. Über eigene Beiträge zu ihren Biografien und über äußere Einflüsse auf ihre Lebenswege, durch Kriege, durch Flucht, durch den Aufstieg eines Diktators und den Fall einer Mauer oder auch durch eine vergleichsweise ereignislose Kindheit in Frieden und Wohlstand wie bei mir. Theorie füllte sich mit Praxis. In der Wissenschaft heißt das Oral History. Im Leben soll es Rassismus sein?

Wer nicht fragt, bleibt dumm. Das gilt auch für die fünf Worte "Wo kommst du eigentlich her?", für diese Frage, der bei vielen – wenn nicht bei den meisten! – Menschen bloß Neugier zugrunde liegt. Sie ist eben kein Urteil, kein rhetorischer Abschiebebescheid, anders als Sätze wie "Was ist denn in Ihrer Heimat gerade los?" oder "Bei Ihnen zu Hause ist ja besseres Wetter". Das sind Aussagen, die den Gefragten in der Ferne verorten. Eine Frage nach der Herkunft aber zweifelt das Hiersein nicht an.

Als Vertreter der teigweißen Bevölkerungsmehrheit kann ich vermutlich nur ahnen, wie sehr es einen Menschen, dessen Großeltern als Migranten nach Deutschland kamen, nerven kann, mit der Herkunftsfrage immer wieder auf seine Haut-, Haar- oder Augenfarbe angesprochen zu werden, auf äußere Merkmale. Falls jemand auf "Wo kommst du eigentlich her?" mit "aus Hamburg-Altona" antwortet, hake ich also nicht nach. Wenn ich mir das Recht auf eine Frage zubillige, muss ich auch jede Antwort akzeptieren.

Nur eines ist seltsam.

Ausgerechnet dort, wo ich die größte Diskriminierungswut vermute, in den Problemvierteln der Städte, in mit Korankacheln gefliesten Dönerbuden oder bei radebrechenden, prekär beschäftigten Taxifahrern, bekomme ich auf die Frage die lässigsten Antworten: "Aus’m Libanon, Digga!", "Ghana, Alder!" Es ist der offene Ton, den ich aus meiner Kindheit, aus der Trabantenstadt, kenne. Es sind die Stadtteile, in denen in derselben Offenheit Etiketten für bislang unetikettierte Mehrheitsmenschen wie mich gefunden wurden: "Kartoffel!", "Biodeutscher!"

Und dann gibt es gesellschaftliche und geografische Verbotszonen, in denen man die Frage besser nicht stellt. Das sind eher die gentrifizierten, globalisierten Viertel. Wie Hamburg-Ottensen oder der Prenzlauer Berg in Berlin, genau die Gegenden, in denen ansonsten andauernd in Unterschieden gedacht und geredet wird, in denen man sich schnell und rabiat sogar ein Urteil über andere bildet: wenn jemand bei Lidl Billigfleisch kauft statt Biomöhren im Veggie-Laden. Wenn jemand sein Baby nicht stillt. Wenn jemand den jüngsten Tarantino-Film nicht kennt. Wenn jemand bei der Wohnungswahl den Szenebezirk knapp verfehlt hat. Wenn jemand eben erst ins Viertel gezogen ist.

"Ich! Bin! Hier! Geboren!"

Mittlerweile glaube ich verstanden zu haben, warum das so ist. Weil in diesen Vierteln besonders viele Menschen wohnen, die – weil sie zu den Erfolgreichen gehören – gerne glauben, dass Identität etwas Selbstgemachtes ist. Dass ihre Biografie eine reine Eigenleistung sei. Der Mensch sein eigener Schöpfer, das edle Ich allein Resultat des eigenen Bildungsfleißes und horizonterweiternder Städtereisen, des fleißigen Ratgeberlesens, der persönlichen Ernährungsgewohnheiten und des bewusstseinserweiternden Yogas. Was für ein Irrtum! Welch Arroganz!

Wir sind alle auch Kinder des Zufalls, des Schicksals. Beeinflusst von Umfeld und Umständen und eben auch von unserer Herkunft. Das meine ich nicht im – tatsächlich rassistischen – Sarrazin-Sinne. Sondern: Wir wurden und werden geprägt von Freunden und Klassenkameraden, von guten und schlechten Lehrern, von Chefs und Kollegen, von Mut- und von Angstmachern, von unseren Eltern, die schon von ihren Eltern geprägt wurden. Das Leben ist ein stetes Aneignen, Anpassen und Absetzen von irgendetwas und irgendjemandem. Es macht etwas mit einem Kind, wenn es in einer Familie aufwächst, die seit Generationen im selben Land, am selben Ort lebt, womöglich in einem Gefühl der Unerschütterlichkeit. Und es macht auch etwas mit einem Kind, wenn es zu Hause die sprachmächtigste Person ist, weil die zugewanderten Eltern weder das Briefdeutsch der Behörden noch die abgehobene Sprache des Arztes verstehen. Ob sie die Parabolantenne auf dem Balkon auf den Satelliten ausrichten, der den Heimatsender überträgt, oder nicht. Und es prägt einen jungen Menschen, wenn er spürt, dass sein Abitur, sein Studium die Auswanderungsgeschichte der Großeltern vollendet. Genauso wie es mich geprägt hat, immer die deutsche Blut-und-Boden-Geschichte mitzudenken (besonders bei diesem Thema hier). Und zu wissen, dass einer meiner Großväter 1943 im Berliner Sportpalast dabei war, als Joseph Goebbels zum "totalen Krieg" aufrief.

Mein Großvater war mit einer Firmenabordnung dort. Freiwillig? Gezwungenermaßen? Ich habe die Gelegenheit verpasst, ihn zu fragen. Und obwohl es den Sportpalast nicht mehr gab, als ich geboren wurde, ist er dennoch einer der Orte, wo ich herkomme – und von dem ich nach wie vor fliehe. Leider erkundigt sich niemand danach.

Nachdem die beiden Männer auf dem Plakat vorm Hauptbahnhof mir wochenlang in die Augen geschaut hatten, bin ich zur beworbenen Veranstaltung gegangen. Auf der Bühne in der Parteizentrale der Hamburger SPD saßen im Original: Danial Ilkhanipour, Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft, und Michel Abdollahi, ein schlagfertiger Journalist und Künstler; beide Söhne iranischer (oder vielleicht persischer) Eltern. Der Saal war voll, ein Viertel der Besucher waren auffallend schlunzig angezogene Deutsche, drei Viertel gut gekleidete, zum Teil rasend attraktive Migrantenkinder – eine Wahrnehmung, die schon wieder rassistisch sein könnte, hätte ich von unserem syrischen Mitbewohner nicht gelernt, dass man dort, wo er herkommt, dem Leben zu Abendveranstaltungen gern mit gebügeltem Hemd und geputzten Schuhen gegenübertritt und sich überhaupt regelmäßig die Nasenhaare schneidet.

Auf dem Podium sagte der SPD-Mann Ilkhanipour, wie sehr er unter besagter Herkunftsfrage leide. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist das übrigens noch schlimmer geworden, seit all die Flüchtlinge im Land sind. Wenn er im Supermarkt an der Fleischtheke eine Frikadelle bestelle, höre er ständig die Mahnung der Wurstverkäuferin: "Da ist aber Schweinefleisch drin."

Kollektives Seufzen im Saal, alle einig im wohligen Wissen, was richtig und falsch ist.

Ich fand Ilkhanipours Kritik an der Mahnung herablassender als die Mahnung selbst, weil sie der Wurstverkäuferin Dummheit unterstellte. Muss er sich wirklich darüber ärgern, dass die Dame nicht in Betracht zog, der Kunde wisse selbst, woraus die Wurst gequirlt ist? Kann er sich nicht darüber freuen, dass der Frau hinter der Theke, bis vor einiger Zeit vermutlich vor allem Expertin für Eisbein und Hack, inzwischen auch der Begriff "halal" etwas sagt? Warum unterstellen wir uns so schnell das Schlechteste? Und ist das im Falle einer weißen Wurstverkäuferin … ja … nicht auch diskriminierend?

Als der junge Syrer bei uns wohnte, war er dankbar, wenn wir ihn darauf hinwiesen, dass Pannacotta mit Gelatine vom Schwein gekocht wird. Und er freute sich, wenn Nachbarn ihn fragten: "Wo kommst du eigentlich her?" Weil er in der Frage Zuneigung spürte. Weil exakt diese Frage ihn, dem ansonsten immer alles erklärt wurde, zum Erklärenden erhob.

Jetzt saß ich in diesem SPD-Saal, reglos, eingekeilt zwischen Sprech- und Denkverboten, und fragte mich im Stillen: Wann genau wird aus einer zugewandten Frage eine alltagsrassistische, obwohl sich in der Formulierung kein Wort ändert? Nach drei, fünf oder zehn Jahren? Wie lange bin ich ein guter Mensch, weil ich den muslimischen Syrer bei uns zu Hause vor alkoholhaltigen Pralinen warne – und ab wann ein schlechter? Vor allem: Wer soll das entscheiden?

In dem Moment beschloss ich, mir die Hoheit über meinen Sprachgebrauch nicht nehmen zu lassen, das Recht auf die Frage "Wo kommst du eigentlich her?". Nicht in einem Jahrhundert, in dem die Welt sich neu sortiert. Nicht von den Rechten, die Herkunft missbrauchen. Nicht von den Linken mit ihrer Angst vor dem Ansprechen von Andersartigkeiten. Sprache kann trennen, Schweigen aber auch. Ist es nicht denkbar, dass mehr als 60 Prozent der Türken in Deutschland für Erdoğans Staatsreform gestimmt haben, weil sie zu selten gefragt wurden, wo sie herkommen? Dass man mit Offenheit mehr erreicht als mit Verdruckstheit?

Ich sagte nichts von alldem, das übernahm ein anderer. Der zweite Mann auf der Bühne, Michel Abdollahi, der Journalist und Künstler, vor dessen Wortgewalt ich am meisten Angst gehabt hatte. Dieser Abdollahi startete gleich mit einem Fauxpas in den Abend. Er fragte den Politiker Ilkhanipour, in welchem Alter er nach Deutschland gekommen sei – der blaffte in AfD-artiger Empörung zurück: "Ich! Bin! Hier! Geboren!" Sehr komisch.

Aber Abdollahi redete einfach weiter und erzählte, dass er auch Jugend- und Stadtteilarbeit macht. Er sagte, für sein Engagement sei das Wissen um die Herkunft wichtig. Kinder iranischer Einwanderer hätten in Deutschland andere Probleme als Nachkommen von Nordafrikanern. Es gebe zig verschiedene Kulturkreise, manche offen, andere verschlossen, jeder mit unterschiedlicher Migrationsgeschichte, mit anderen Hoffnungen und Verletzlichkeiten. Es wäre ignorant, das zu ignorieren.

Mir war, als habe jemand die Fenster aufgemacht. Frische Luft! Geräusche von draußen! Neue Gedanken! Doch der Applaus im Saal für Abdollahi fiel spärlich aus.

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