Elternzeit, auch für Väter, Ausstieg aus dem Job für ein, zwei, drei Jahre, Wiedereinstieg mit reduzierter Arbeitszeit, rechtlich garantierte Kita-Plätze, Homeoffice-Tage, Jahres-Kontingente für die Betreuung kranker Kinder. Gesetz- und Arbeitgeber haben sich viel einfallen lassen für die sogenannte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zu meiner Zeit gab es nicht einmal diesen Begriff, geschweige denn Verständnis. Der Mutterschutz vor der Geburt betrug sechs Wochen, nach der Geburt waren es acht Wochen, letztere verbrachte man primär mit der Organisation einer Kinderbetreuung. Die Ansagen in Redaktionen waren unmissverständlich. Arbeiten? Ganz oder gar nicht. Bleiben oder kündigen. Mein Arbeitgeber war nicht irgendeine Klitsche, sondern der Norddeutsche Rundfunk. Vorschulfernsehen, Arbeitsgruppe Sesamstraße. "Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm", dichteten wir damals, den berühmten Eröffnungssong der Serie, mit dem unsere Töchter und Söhne aufgewachsen sind. Warum habe ich mein krankes Kind, eingewickelt in eine Decke, stundenlang unter meinem Schreibtisch auf dem blaugrauen NDR-Teppichboden abgelegt, bevor wir zum Arzt fuhren? Weil die deutschen Texte für Ernie und Bert fällig waren; Synchronaufnahmen im Studio standen an. Warum habe ich meine Rolle als Mutter so wenig ausgespielt? Weil Kinder Privatsache waren.

Ich mache es so gut, wie ich es unter meinen Bedingungen machen kann. Punkt

Es galt das Prinzip Durchwurschteln, Improvisieren. Mithilfe von Au-pairs, Tagesmüttern, in Ausnahmefällen der eigenen Mutter oder dem Kindsvater. Die "neuen" Väter schauten damals noch Sesamstraße. Ich machte Fehler bei der Erziehung, habe mich vom Kind erpressen lassen, war zeitweilig ungebildet, unbelesen, unsportlich und nicht auf dem Stand politischer Diskussionen. Ich gehörte auch nicht zur Speerspitze der Frauenbewegung, um bessere Bedingungen für Frauen wie mich zu erkämpfen – keine Zeit! Und trotzdem: Mein Leben fühlte sich leicht an, ich unterwarf mein Kind, meinen Körper, mein Handeln nicht den Schimären Perfektionierung und Optimierung. Lieber genoss ich die Glücksmomente, die sich ungeplant ergaben. Ich bin nicht unbedingt ein Vorbild, aber ich hatte ein schlichtes und entlastendes Credo, das ich allen Müttern und Vätern ans Herz lege. "Ich kann es nur so gut machen, wie ich es unter meinen Bedingungen machen kann." Punkt.

Die Bedingungen heutiger Mütter sind anders, gewiss. Vieles mag leichter sein. Aber manchmal sieht es auch nur so aus. Beispiel: reduzierte Arbeitszeit. Seit ich selbst, wenngleich aus anderen Gründen, an meinen Redaktionstagen nicht mehr open end arbeite, weiß ich, was ein 16-Uhr-Termin bedeuten kann: puren Stress. Die Zeitbegrenzung strahlt schon auf die Stunden davor aus. Die Uhr tickt. Schnell noch das und das erledigen. Infos von Konferenzdebatten? Muss man sich selbst heranschaffen, irgendwie. Ein Klatsch unter Kolleginnen und Kollegen nach Feierabend? Keine Chance.

Möchte ich heute noch einmal ins Erwachsenen- und Berufsleben starten? Die Arbeitsverdichtung durch das digitale Zeitalter, Experte-sein-Müssen in Fragen des Alltags. Die Absicherung bei wichtigen Entscheidungen durch Zweit- und Drittmeinungen. Eine Gesellschaft, die gerade Frauen und Müttern vorgaukelt, dass sie heute alles erreichen können, wenn sie nur wollen. Wer es nicht schafft, fühlt sich als Versagerin. Die Unterdrückung diffuser Zukunftsängste in einer hochkomplexen Welt. Und bei alldem: Bitte recht freundlich und immer lächeln. Möchte ich das? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.