Aus seiner Sicht soll allerdings erst dann Geld fließen, wenn die Regierungen ihre Schulden abgebaut haben und bereit sind, sich europäischen Regeln zu unterwerfen und auf einen Teil ihrer haushaltspolitischen Souveränität zu verzichten. Als mögliches Vorbild gilt dabei der vor zwei Jahren eingerichtete gemeinsame Abwicklungsfonds für die Sanierung von maroden Banken. Deutschland stimmte dem erst zu, nachdem die nationalen Aufsichtsbehörden entmachtet wurden und die Bankenaufsicht auf die Europäische Zentralbank übertragen wurde. Nach diesem Reißverschlussprinzip könnte auch ein gemeinsamer Haushalt geschaffen werden.

Als Macron am Montag in Berlin zu Besuch war, hat Angela Merkel sogar eine Änderung der Europäischen Verträge nicht ausgeschlossen. Bislang hatte die Bundesregierung das abgelehnt – weil dann in einigen Ländern Volksabstimmungen durchgeführt werden müssen.

Klar ist aber auch: Bis ein EU-Vertrag verändert ist, könnten noch viele Jahre vergehen. Deshalb lässt sich Angela Merkels Bereitschaft zu Vertragsveränderungen auch als Versuch werten, die ganze Debatte in Fachgremien zu verlagern und damit aus dem deutschen Wahlkampf herauszuhalten. So wird es wohl im Juli, nach den Parlamentswahlen in Frankreich, eine erste deutsch-französische Kabinettssitzung geben, und nach der Bundestagswahl wird vermutlich eine gemeinsame Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich mit einer Reihe von komplizierten Fragen auseinandersetzen muss.

Wenn Jens Weidmann Chef der EZB würde, was müssten die Franzosen dafür bekommen?

Auch mit der Frage, wie die Reformdebatte mit Personalfragen verbunden werden könnte. In der nächsten Legislaturperiode endet beispielsweise die Amtszeit von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Die Bundesregierung würde den Posten gern Bundesbankpräsident Jens Weidmann geben, dafür werden die Franzosen – die einen eigenen Kandidaten haben – eine Gegenleistung erwarten. Und sie werden ziemlich genau wissen, was sie fordern können.

Denn dass Macron und seine Berater Deutsch sprechen, heißt nicht, dass sie die deutschen Interessen automatisch über die französischen stellen. "Sie wissen nur besser als ihre Vorgänger, was auf beiden Seiten des Rheins politisch geht. Wie sie es formulieren müssen, damit es im anderen Land keinen Aufschrei gibt", sagt Daniela Schwarzer, Chefin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Und sie wissen auch, welche Telefonnummern sie spätabends wählen können, wenn es kompliziert wird – weil man schließlich schon lange Abende miteinander gestritten hat. So kennt Macrons Chefstratege Ismaël Emilien die heutige Grünen-Bundestagsabgeordnete Franziska Brantner gut, weil er einst bei ihr studiert hat. Der Generalsekretär Alexis Kohler wiederum ist mit Andreas Görgen, dem Chef der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts, zur Uni gegangen. Und Philippe Étienne ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Brüssel bestens verdrahtet. Das ist wichtig, weil Deutschland und Frankreich zwar allein Ideen entwickeln, sie aber nur mit dem Rest Europas werden umsetzen können.

Einige von Macrons Beratern warnen bereits vor einer Verzögerungstaktik auf deutscher Seite, doch der Präsident selbst hat andere Prioritäten. Seit Marine Le Pen im Wahlkampf gesagt hat, Frankreich werde in jedem Fall von einer Frau regiert – von ihr selbst oder von Angela Merkel –, muss Macron innenpolitisch vor allem eines erreichen: als gleichberechtigter Partner der deutschen Kanzlerin wahrgenommen zu werden und sich nicht im Klein-Klein der Reformdebatten zu verstricken. Das ist ihm am Montag bei Merkel erst einmal gelungen.