Der Raum ist das Büro der Anjomane Eslami, der "Islamischen Vereinigung". Es ist die einzige kritische Studenten-Organisation, die die Grüne Revolution von 2009 überstanden hat – weil sie nie in allzu radikale Rhetorik verfiel. Der religiöse Teil des Namens ist eher Relikt als Programm: Ihre Gründer trugen die islamische Revolution mit, ihre Nachfolger kritisierten deren Auswüchse. An vielen Fakultäten des Landes unterhält die Anjomane noch Büros.

Immer wieder thematisieren sie hier auch die Situation der Studentinnen. "Die ist völlig paradox", sagt Fateme. 60 Prozent der Studierenden im Iran sind Frauen. Außer in den Ingenieurwissenschaften dominieren sie alle Fächer, fast überall schneiden sie besser ab als Männer. Ihr akademischer Erfolg findet in der Arbeitswelt aber keine Fortsetzung. Nur etwa ein Fünftel aller akademisch gebildeten Frauen arbeitet. Konservative Politiker versuchten immer wieder, den weiblichen Bildungshunger per Gesetz einzuschränken – durch Männerquoten und Frauenverbote in einigen Studiengängen. Fast alle wurden wieder abgeschafft. "Weil wir nicht aufgehört haben zu protestieren", sagt Fateme. Jede Woche verschickt eine Gruppe der Anjomane einen feministischen Newsletter. Fateme glaubt an ihre Karriere, allen Statistiken zum Trotz: "Unsere Generation muss den Anfang machen."

Auch auf dem Campus haben die Frauen eingeschränkte Rechte. Als junge Frau allein zu wohnen ist unüblich, die meisten wohnen bei ihren Eltern oder im Wohnheim. Da müssen sie jeden Abend spätestens um halb zehn zurück sein – sonst wird der Vater angerufen.

Die liberale Studierendenbewegung ist gespalten in Radikale und Reformer

Für Fateme gibt es zu Rohani keine Alternative, auch wenn er nicht alle Versprechen halte. Nicht alle Studenten denken so. Ende März sitzen abends in einem Park nördlich vom Campus 20 Aktivisten in Decken gehüllt, es ist noch kalt, auch Vertreter der Anjomane. Sie streiten: Sollte man gegen die vergleichsweise progressive Regierung Rohani protestieren, weil noch immer einige Studierende inhaftiert sind? Oder stärkt Protest nur die Konservativen? Die liberale iranische Studierendenbewegung sei gespalten in Radikale und Reformer, sagt Ashkan Ghaderi, Organisator des Treffens. Ghaderi ist 30 und promoviert in Sozialwissenschaften, 2009 hatte er eine "Studentische Front" gegründet, die sich für die Rechte gefangener Studierender einsetzte. Ein Jahr lang kam er dafür selbst ins Gefängnis und durfte danach fünf Jahre lang nicht weiterstudieren – bis Rohani ihn und viele weitere wieder an die Uni ließ.

Gegenüber dem Zimmer der Anjomane beginnt eine andere Welt. Dort ist das Büro der Basidsch, der "Organisation für die Mobilisierung der Unterdrückten"; eine paramilitärische Miliz der Revolutionsgarden. Basidschis prügelten 2009 Oppositionelle nieder. An den Unis schwören sie die spätere intellektuelle Elite auf Regimetreue ein. Will man verstehen, welche ideologischen Gräben die Studierenden im Iran trennen, muss man mit ihnen sprechen.

Zeynab Farahani, 23, ist seit zwei Jahren bei den Basidsch. Sie studiert Islamische Theologie und geht vor der Wahl regelmäßig in die Moscheen auf dem Campus und verteilt Flyer über isolationistische Wirtschaftspolitik. "Liberale Studierende realisieren nicht, dass einige Länder niemals unsere Freunde sein werden", sagt sie. "Wir sollten lieber unabhängig werden, statt uns dem Westen anzubiedern. Dann können uns auch die Sanktionen nichts anhaben."

Anders als die Anjomane dürfen die Basidsch völlig offen an den Unis agieren und erhalten regelmäßig staatliche Gelder. Die Pinnwände in den Fakultäten sind voll mit ihren Veranstaltungszetteln. In den Wohnheimen kontrollieren ihre Mitglieder den Lebensstil der Studierenden. Achten auf sittliche Kleidung, ermahnen Studentinnen, nicht zu rauchen und nicht mit Männern zu sprechen. Manche Studienplätze und auch Lehrstühle werden teils inoffiziell, teils offiziell durch Quoten für sie frei gehalten, vorbei an allen konkur-Ergebnissen.

Die liberalen Studierendengruppen und die Basidsch trennen Welten, politisch und kulturell. Zeynab ist jeden Abend spätestens um sieben in ihrem Wohnheim. Fateme und ihre Freunde ziehen oft noch durch die Nacht, so wie an diesem Abend. Sie laufen vorbei am Meydune Enghelab, dem Platz der Revolution. Tagsüber haben hier Bücherläden geöffnet, Schüler büffeln in Nachhilfeinstituten für den konkur. Auf dem Bürgersteig werden fertige Abschlussarbeiten verkauft. Nachts ist es hier still. Die Ausgehzeit für die Wohnheime ist lange verstrichen. Man hört die Handys der jungen Frauen klingeln, die zu Hause wohnen. Es sind ihre Eltern, die Anrufe werden ignoriert. Die Frauen laufen eingehakt durch die leeren Straßen, sitzen am Säulenhof der Akademie der Künste.

Jetzt fröstelt Fateme, sie kuschelt sich an ihren Freund, sie raucht. Dass sie einen Freund hat, wissen ihre Eltern. Es stört sie nicht. Was sie stört, ist, dass die beiden politisch aktiv sind. Fateme singt mit den anderen El pueblo unido auf Farsi – das Lied, das in Chile 1973 zum Symbol des Widerstands gegen die Diktatur von Augusto Pinochet wurde.

Ein Mullah kommt vorbei, schwarzer Turban – das Zeichen der Seyyeds, der offiziell anerkannten Nachfahren des Propheten. Er stutzt, guckt. Rauchen, kuscheln, alles unangebracht bis verboten für Frauen. Fateme und ihre Freunde fragen nicht nach Freiheit, sie versuchen sie sich zu nehmen. Der Mullah geht weiter.

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