"In sechs Wochen bin ich wieder weg vom Medienfenster", sagt Johannes Oerding und lacht. Derzeit pflastert der 35-jährige Musiker die Innenstädte mit Plakaten seines fünften Albums "Kreise", tritt im Frühstücksfernsehen auf, ploppt in sozialen Netzwerken auf. Und stört sich nach 19 Jahren Musikkarriere trotzdem nicht daran, dass viele ihn vor allem als den "Freund von Ina Müller" kennen.

DIE ZEIT: Herr Oerding, stimmt es, dass die Radlerhosen von Sänger Axl Rose Sie dazu inspiriert haben, Musiker zu werden?

Johannes Oerding: Es war einer der entscheidenden Momente. Ich war als Kind großer Guns-N’-Roses-Fan. Mit Piratentuch und weißen Radlerhosen spielte ich das Video von You Could Be Mine nach, in dem Axl Rose in einem Stadion die Bühne entlangspurtet. Mein Kindheitstraum war, dass mir auch so viele Menschen zujubeln, mitsingen und Applaus spenden. Ich habe schon als Kind gespürt, dass diese Anerkennung ein gutes Gefühl ist. Es kann süchtig machen, vor 40.000 Menschen auf einem Festival zu spielen. Aber völlig abgedreht bin ich nie. Dafür ist meine Karriere zu langsam gewachsen.

ZEIT: Wann wurde die Musik für Sie zum Beruf?

Oerding: Mit 17. Ich komme aus einem Dorf am Niederrhein und habe immer in Schülerbands gespielt, Hard Rock, Funk, Soul, Hip-Hop. Einmal spielten wir als Partyband im Sauerland. Da sprach mich ein Produzent an: "Ey, gib mir mal deine Nummer." Irgendwann kam der Anruf. Ich fuhr nach Lüneburg, im Studio hingen Gold- und Platin-Platten von Falco, Oli P., Vicky Leandros. Der Produzent war Peter Hoffmann, der auch Tokio Hotel produziert hat. Ich dachte: Jetzt werde ich ein Star. Es hat aber noch fast 19 Jahre gedauert, bis ich heute hier vor Ihnen sitze.

ZEIT: Hat er Sie unter Vertrag genommen?

Oerding: Ich musste vorsingen, sogenannte Adlibs: (singt) "Yeah yeah yeah-i-yeaaaah." Und: "Uuuuuh yes ..." Ich habe minutenlang improvisiert. Am Ende gaben sie mir meinen ersten Künstlervertrag.

ZEIT: Wie haben Sie Ihren Eltern erklärt, dass Sie fortan Berufsmusiker sein werden?

Oerding: Das fanden die anfangs nicht so lustig. Meine Geschwister studierten, wie sich das gehört, ich bin von Auftritt zu Auftritt rumgeeiert. Bis vor zwei Jahren hat mein Vater mich noch gefragt: "Kommst du denn gut klar?" Und mir Spritgeld zugesteckt. Ich habe deshalb auch nebenher studiert.

ZEIT: Mit Abschluss?

Oerding: Ja. Ich bin Diplom-Betriebswirt mit Schwerpunkt Marketing. Ich habe das aber nur meinen Eltern zuliebe abgeschlossen. Um zu beweisen, dass ich beides hinkriege, Musik und Studium. Ich hatte drei gute Freunde an der Uni, die haben für mich die Vorlesung mitgeschrieben, wenn ich auf Tour war. In der letzten Klausur bin ich sogar durchgefallen, aber die Dozenten haben mich trotzdem bestehen lassen, weil sie wussten: Der macht eh was anderes. Das ist jetzt hoffentlich verjährt.

ZEIT: Wie lange hat es gedauert, bis Sie von der Musik leben konnten?

Oerding: Eigentlich konnte ich das immer. Mit Anfang 20 habe ich auf der Reeperbahn in Angie’s Nightclub gespielt, in Gala-Bands Michael-Jackson-Songs gesungen oder Jingles fürs Radio: (singt) "Antenne MV!" Ich wollte nur mit Musik Geld verdienen. Ich war sparsam und brauchte nicht viel. Die richtige Karriere von Johannes Oerding begann später.

ZEIT: Wann?

Oerding: Mit Mitte 20 kam mein Debütalbum unter meinem eigenen Namen. Da meldeten sich die großen Labels. Und nach meinem ersten Solo-Konzert sagte Udo Lindenberg zu mir (imitiert Lindenbergs Stimme): "Du hast ’ne Kehle aus Gold." Da wusste ich: Das ziehe ich durch.

ZEIT: Lässt sich hier mit deutschem Pop mehr Geld verdienen als mit englischem?

Oerding: Das war nie meine Überlegung. In diesem Singer-Songwriter-Gedöns wurde mir immer wieder gesagt: "Du musst die Musik machen, die du selber gern hören würdest. Die Leute, die du damit erreichst, sind deine Zielgruppe. Aber das weißt du erst hinterher." So ist es.

ZEIT: Anfangs haben Sie Simply Red, Ich + Ich und Ina Müller auf Tour begleitet – was lernt man von solchen gestandenen Musikern über Geld?