Eigentlich würde man sich Stefan Schnöll in bester Partylaune erwarten. Der 29-jährige Salzburger ist seit zwei Jahren Generalsekretär der Jungen Volkspartei (JVP), und die erreichte nun ihr großes Ziel: Ihr Obmann Sebastian Kurz hat die Mutterpartei ÖVP übernommen – besser gesagt, er hat sie innerhalb weniger Tage auf den Kopf gestellt. Für Schnöll und die JVP haben sich die Jahre der leisen Vorbereitung und des Agitierens gelohnt.

Und trotzdem ist keinem nach Feiern zumute. Manche in der Jugendorganisation erzählen gar von ein wenig Bauchweh: Eine Regierungspartei zu übernehmen, das sei schon mehr als ein Lausbubenstreich.

Auch Schnöll wirkt leicht abgewrackt. Er sitzt müde im Kaffeehaus, die vergangenen Tage stehen ihm ins Gesicht geschrieben. In den Stunden nach der zornigen Rücktrittserklärung von Reinhold Mitterlehner war das über die vergangenen Jahre aufgebaute Netzwerk des Außenministers rasch hochgefahren worden. Denn der Zeitpunkt für die Machtübernahme von Kurz war überraschend – und ganz so geschmiert, wie es nachher schien, lief der Coup nicht ab: Noch am Samstag, als die sieben Forderungen von Kurz an seine Partei durchsickerten, stand es Spitz auf Knopf, ob die Parteigranden ihnen zustimmen würden. Am Ende einigten sich aber dann doch alle auf den strahlenden Sieger Sebastian Kurz – und der bekam Vollmachten zugestanden, wie sie kein Parteiobmann je hatte.

Diese Machtfülle schmeckt nicht jedem. Sebastian Kurz könne uneingeschränkt durchregieren, er würde auch keine Rücksicht auf gewachsene Strukturen der Partei nehmen, monieren einige. Stefan Schnöll rückt also aus und kalmiert. Er wird Sebastian Kurz als JVP-Obmann nachfolgen und will Erwartungen dämpfen – nach außen, aber auch nach innen. "Wenn manche glauben, Sebastian trete jetzt nur mit seinen JVPlern an, dann stimmt das einfach nicht", sagt Schnöll, "es geht nicht nur um die Junge Volkspartei, sondern um die besten Köpfe, egal ob jung oder alt." Man will demütig auftreten, den alten Funktionären, die man noch brauchen wird, kein Siegesgeheul entgegegenschmettern, sondern Respekt zeigen.

Jahrzehntelang war die JVP ein unwichtiger Beiwagen der ÖVP. Keiner ihrer Obleute wurde je Minister oder Parteichef. Doch mit Sebastian Kurz änderte sich das Machtgefälle. Als er im Jahr 2011 Staatssekretär wurde, brach viel Häme über den damals 24-jährigen Jus-Studenten herein. Seine Nominierung sei eine "Verarschung", schrieb eine Tageszeitung damals. Auch viele altgediente ÖVP-Kader versteckten ihren Abscheu nicht. Einzig die JVP stand fest hinter ihrem Obmann. Und als der Buhmann plötzlich zum Liebling der Leitartikler und zum Vorzugsstimmenkönig aufstieg, wurde auch seine Organisation vom Anhängsel der Volkspartei zum wichtigen Mitspieler.

Kurz zog neue Mitglieder an, die JVP hatte Perspektiven zu bieten und Jobs zu vergeben. Wer als talentiert auffiel, wurde rasch weitervermittelt. Mittlerweile ist das Netz dicht geknüpft, ohne die Jugendorganisation geht nur noch wenig in der ÖVP. Kurz hat eine Heerschar hinter sich, die gemeinsam gefeiert hat, sich oftmals seit Schulzeiten kennt und ihm die jeweils eigene politische Karriere verdankt.

Auch in seinem engen Umfeld umgab sich Kurz mit Getreuen aus der JVP. Es sind Leute wie der Wiener Landesparteiobmann Gernot Blümel und dessen Landesgeschäftsführer Markus Wölbitsch, mit denen Kurz schon in der Wiener JVP eng zusammengearbeitet hat und denen er vertraut.

Der föderale und schwerfällige Aufbau der ÖVP hat es zugelassen, dass über die Jahre eine richtige Parallelstruktur aufgebaut werden konnte. Nur ja nicht an der Bundespartei anstreifen, war dabei das Motto. Fotos von Kurz mit Parteilogo sind rar, seine Marke sollte unabhängig bleiben. Ob in Ministerkabinetten, im Nationalrat, in Landtagen oder in Gemeinderäten, überall sitzen loyale Mitglieder der JVP, die an einem gemeinsamen Ziel arbeiteten: Kurz musste die Partei übernehmen.

Die Fäden liefen an zwei zentralen Stellen in Wien zusammen: Generalsekretär Stefan Schnöll hielt die JVP auf Linie und tourte dafür laufend durch Österreich, während ein Kabinettsmitarbeiter des Außenministers stets in engem Kontakt zu den neun Landesparteien blieb.

So geeint die JVP hinter Kurz steht – er wurde mit je hundert Prozent der Stimmen zu ihrem Obmann gewählt und wiedergewählt –, ideologisch ist sie weniger kohärent. Wirtschaftsliberal, natürlich, und auch gesellschaftspolitisch werden da und dort liberale Positionen vertreten.

Wofür wird diese neue "Liste Kurz" also stehen? Hauptsächlich für den Spitzenkandidaten selbst. Ein Wahlprogramm gebe es zwar schon, doch das sei noch streng unter Verschluss. Der Obmann hat sich die Hoheit über die Inhalte ausbedungen, er werde sie präsentieren.

Ganz so geheim waren die Vorarbeiten dafür jedoch nicht. Vieles davon leistete die Politische Akademie der ÖVP, der parteieigene Thinktank, dem Kurz als Obmann vorsteht und dessen Vorstand mit seinen Vertrauensleuten wie dem Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer und der EU-Abgeordneten Elisabeth Köstinger besetzt ist.

Ohne viel Aufsehens werden im Springer-Schlössl in Wien-Meidling seit Jahren Überlegungen zu Wahlplattformen angestellt und Papiere produziert. "Wir arbeiten in der Politischen Akademie schon länger jenseits der Tagespolitik und beschäftigen uns mit gesellschaftspolitischen Veränderungen", sagt Elisabeth Köstinger, "wir haben uns bewusst mit Zukunftsthemen beschäftigt, und so wird wohl auch das Programm ausschauen."

Ein Programm, das vor wenigen Monaten von der Politischen Akademie vorgestellt wurde, heißt etwa Sozialstaat neu denken, Österreichs Weg zur Verantwortungsgesellschaft. Die Mindestsicherung soll zeitlich begrenzt werden, ist darin zu lesen, das Pensionsantrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt und die Familienbeihilfe an Voraussetzungen wie Gesundheitschecks gekoppelt. Dazu finden sich Beiträge zur Digitalisierung der Arbeit, zu ehrenamtlichen Tätigkeiten und Bildung.

Was nun folgt? Seinen Sommerurlaub hat Stefan Schnöll, wie viele andere, bereits abgeschrieben. Die Macht in der Partei ist nur der erste Schritt. "Sebastian Kurz muss Bundeskanzler werden", sagt Schnöll. Dafür müssen die JVP-Mitglieder in den nächsten Monaten laufen. "Es wird ein hartes Rennen", sagt Schnöll, "und wer glaubt, das sei eine gemähte Wiese, der kennt sich einfach nicht aus." Denn alle in dem jungen Netzwerk sind auf Gedeih und Verderb von Sebastian Kurz abhängig. Scheitert er, scheitern sie alle.