Das gängige Vorurteil über den Ablass lautet: Die katholische Kirche hat Kasse gemacht mit dem schlechten Gewissen der Menschen. Sie hat sich ihre Gnadenerweise bezahlen lassen und mit dem Geld protzige Kirchenbauten finanziert. Erst Martin Luther, die Lichtgestalt, hat dem elenden Treiben ein Ende gesetzt. So weit die Legende, die ganze Wahrheit im Jahr 500 nach der Reformation lautet etwas anders.

Mittlerweile gibt es eine kleine, internationale, nicht mehr von konfessionellen Prinzipien geleitete Gruppe von Historikern, die sich mit dem Ablasswesen im Mittelalter beschäftigt. Für sie grenzen die gängigen Vorurteile an Verleumdung oder zumindest an Irreführung. Ihre Erfahrungen lehren, dass es bis heute fast unmöglich ist, einer breiten Öffentlichkeit ein differenziertes Bild des Ablasses zu vermitteln.

Was genau war dieser religionsspaltende Ablass, an dem sich der Zorn der Reformatoren entzündet hat? Wer mit reuigem Herzen dem Priester seine Sünden beichtete, konnte anschließend von ihm die Absolution erhalten. Es blieben dann aber noch die auferlegten Bußstrafen übrig, dem heiligen Augustinus zufolge durfte nämlich bei Gott keine Sünde ungestraft bleiben. Diese Bußstrafen konnten verwandelt, erleichtert oder erlassen werden. Bei Letzterem handelte es sich dann um einen Ablass, auch Indulgenz genannt. Der Ablass erließ dem Gläubigen also die Strafen, die seine Sünden eigentlich nach sich ziehen würden.

Zu diesem Konstrukt kam das Konzept des Fegefeuers hinzu. Dort sollte man sich nach dem Tod von den noch nicht abgelösten Bußstrafen reinigen müssen. Den Aufenthalt im Fegefeuer konnte man verkürzen, indem man möglichst viele Ablässe sammelte – weshalb der Ablass hoch im Kurs stand, funktionierte er doch als eine Art Sparkonto für das Jenseits. Je mehr, desto besser, schließlich konnte man nicht wissen, welche Umrechnungstabelle Gott für die Bußstrafen benutzte.

Quantität galt mehr als Qualität. "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt." Dieser Werbespruch aus dem 15. Jahrhundert symbolisiert für die Menschen heute das Ablasswesen. Als der ultimative Bösewicht der Reformationsgeschichte gilt Johann Tetzel, der Dominikaner und Ablassprediger. Weil ihm ebenjener Spruch zugeschrieben wird, von der Seele, die aus dem Fegefeuer erlöst wird, wenn sie vorher nur genug abgedrückt hat. Leider stammt das Zitat nicht von ihm. Es kursierte früher und wurde bereits 1482 von der Pariser Sorbonne, dem damals obersten theologischen Gremium in Frankreich, verboten. Wir wissen auch nicht, wie Tetzel aussah, es gibt kein zeitgenössisches Bild des Predigers. Später wurde er auf Gemälden als fetter und verschlagener Fiesling dargestellt.

In Wirklichkeit war der Dominikaner Tetzel ein gebildeter, gut vernetzter, enorm effektiver und erfahrener Ablasskommissar zu einer Zeit, als der Berufsstand noch keinen schlechten Ruf hatte. Der Historiker Hartmut Kühne hat in akribischen Quellenstudien herausgefunden, dass Tetzel erst im Zusammenhang mit dem ersten Reformationsjubiläum 1617 aus der Vergessenheit geholt wurde und dann als negative Folie für die Lichtgestalt Martin Luther aufgebaut wurde. Danach war kein Halten mehr, der Dominikaner begann seine zweite Karriere als bad guy. Das, was heute an Wissen über Tetzel kursiert, basiert im Wesentlichen auf protestantischer Propaganda.

Die Geschichte lehrt, dass es keine neue Revolutionsbewegung ohne Verteufelung des Bestehenden gibt. Tetzel wurde zu diesem Teufel gemacht und das Ablasswesen gleich mit. Dabei dienten die Ablässe durchaus einem guten Zweck. Und es gab auch nicht nur solche, die man kaufen konnte, manche wurden automatisch durch bestimmte gute Taten erteilt. Das Gnadenwesen war also nicht nur etwas für reiche Leute.

Die Ablässe waren das erste Crowdfunding der Geschichte, die erste Schwarmfinanzierung. So erhielt beispielsweise jeder einen Ablass, der sich am Bau von Straßen und Brücken beteiligte, sei es mit einer Spende, mit Baumaterial oder mit körperlicher Arbeit. Faktisch wurden überall in der europäischen Christenheit Brücken, Straßen oder sogar Häfen und Leuchttürme mit Indulgenzen erbaut. Immer darauf zu pochen, der Ablass habe aus Seelenpein Geld gemacht, greift da zu kurz. Ein anderes Beispiel: Bei Naturkatastrophen sammeln heute Hilfswerke Spenden für die betroffenen Menschen, die man dann von der Steuer absetzen kann. Im Mittelalter stellten die Bischöfe oder Päpste Ablässe aus.

Der Kölner Dom, wie der Petersdom und andere Sakralbauten, erhielt Starthilfe in Form von Indulgenzen. Päpste und Bischöfe stellten auch immer wieder Ablässe aus, um den Unterhalt von Ordensfrauen und ihre Bauprojekte zu unterstützen.

Einen Ablass gab es ebenfalls für kleinere Werke der Barmherzigkeit am Nächsten, wie zum Beispiel die für die Armenspeisung oder für Kleiderspenden. Für solche Taten erhielten die Spender Ablässe. Die Kirche hat hier aktive Nächstenliebe belohnt mit dem Mittel, das die Menschen erwarteten, mit einem Bußstrafennachlass.

Natürlich ließ sich das Ablasswesen instrumentalisieren, es war oft eine Belohnung für ein bestimmtes Verhalten. Wenig bekannt ist, dass zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Päpste in großem Stil Ablässe einsetzten, um die beiden neuen Bettelorden, die Dominikaner und Franziskaner, in das kirchliche Leben zu integrieren. Sie waren die Träger einer neuen Form von Seelsorge im Zusammenhang mit der Pastoralreform des Vierten Laterankonzils. Die Menschen konnten Ablässe erhalten, wenn sie die neuen Orden unterstützten beim Bau des Klosters oder an Gottesdiensten teilnahmen. Heute ist kaum zu begreifen, wie neu, aufregend und innovativ Bettelorden oder Ablässe damals waren.

In diesen Zusammenhang gehört, dass die im 13. Jahrhundert noch neue Gebetshaltung mit gefalteten Händen ebenso mit Indulgenzen gefördert wurde wie das neue Fest Fronleichnam. Tatsächlich wäre Fronleichnam fast in Vergessenheit geraten, wäre es den Menschen nicht mit Ablässen nahegebracht worden à la: Wenn ihr zu diesem neuen Fest hingeht, bekommt ihr auch etwas dafür.

Es ist ein ganz besonders festsitzendes Vorurteil, dass man sich mit einem Ablass die Eintrittskarte für das Paradies kaufen konnte. Und was war mit den Armen? Mussten sie traurig vor den Pforten des Paradieses warten? Keinesfalls. Wenn für große überregionale Ablasskampagnen gesammelt wurde, war der Tarif sozial gestaffelt, die Reichen zahlten mehr, die Armen nichts.

Abgesehen davon gab es im Mittelalter eben zahllose Werke der Frömmigkeit, die mit einem Ablass verbunden waren und die kein Geld kosteten. Zum Beispiel: Wer mit gebeugtem Knie beim Glockenläuten ein Ave-Maria und ein Vaterunser sprach, konnte einen Ablass erhalten. Oder: Wer den Pfarrer auf dem Weg zu einem Sterbenden begleitete, der ein letztes Mal die Kommunion bekam, sah sich mit einem Ablass belohnt, der gerne doppelt so hoch ausfiel, wenn der Versehgang nachts stattfand. Die Liste ließe sich endlos erweitern. Auch heute gibt es Ablässe für gute Taten. Beispielsweise wenn man den Papstsegen urbi et orbi anhört oder wenn man wallfahrtet. Wenigen Katholiken sind diese Ablässe allerdings bekannt.

Im Mittelalter jedoch waren die Ablässe bedeutend wichtiger, als sie es heute sind. Die Menschen wollten Gott nicht nur in der Kirche dienen, sondern auch im Alltag. Es ging ihnen um ihr Seelenheil, das wollten sie sichergestellt wissen. Quantität in Sachen gute Werke war aber wichtiger als Qualität, deswegen waren diese Werke der Frömmigkeit auf Wiederholung angelegt, und der Ablass machte dabei den Fortschritt auf dem Weg zum Seelenheil messbar.

Im Reformationsjahr 2017 sollte man also die Vorurteile über das mittelalterliche Ablasswesen überdenken, viel genauer hinsehen – und sich entspannen. Am besten im italienischen L’Aquila, der immer noch vom schweren Erdbeben des Jahres 2009 zerstörten Stadt. Italien hat jetzt für L’Aquila die Aufnahme ins immaterielle Weltkulturerbe der Unesco beantragt. Warum? Wegen eines Ablasses. Im Jahr 1294 wurde Papst Coelestin V. in L’Aquila zum Papst gekrönt. Das nahm er zum Anlass, um allen, die die Basilika des Ortes betraten, einen vollkommenen Ablass zu gewähren. L’Aquila feiert die Begebenheit jedes Jahr mit einem Fest – und genau dieses soll jetzt ins Welterbe aufgenommen werden.

Nur wenn man sich über die positiven Effekte, die die Ablasspraxis auf das Leben der Gläubigen hatte, Rechenschaft ablegt, kann man 500 Jahre nach Martin Luther zu einem differenzierten Verständnis der Gnadenerteilung und -verwaltung kommen. Eine pauschale Verurteilung des Ablasses wird ihm nicht gerecht. Es ist Zeit, die Vorurteile zurückzulassen und sich einzugestehen: Der Ablass hatte gute Seiten.