Wenn ich meine Mutter noch kennenlernen wolle, dann solle ich besser sofort nach Australien fliegen. Sie sei nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden, viel Zeit habe sie nicht mehr, erklärte der Arzt.

Ich buchte einen Flug für den nächsten Tag. Ich war 68 Jahre alt und hatte meine leibliche Mutter nie gesehen. Als ich 15 war, sagte mir mein Vater, dass er gar nicht mein Vater sei und meine Mutter nicht meine Mutter. Meine Eltern hatten mich als Zweijährigen adoptiert. Natürlich war ich überrascht, als Kind denkt man ja nicht über seine Abstammung nach.

Aber ich war nicht erschüttert, denn mir fehlte es an nichts. Ich hatte liebevolle Eltern, ein komplettes Zuhause. Und mir war klar: Solange meine Eltern leben, werde ich nicht nach meinen leiblichen Eltern suchen. Das wäre meinen Eltern gegenüber ungerecht.

Letzten Endes war es dann meine Tochter, die nicht lockerließ. Sie recherchierte im Internet und bei Standesämtern. Und fand heraus, dass meine leibliche Mutter 1952 von ihrem Heimatort Uedem nach Australien, genauer nach Tasmanien ausgewandert war und einen Herrn mit Nachnamen Beyer geheiratet hatte. Meine Tochter schrieb alle Beyers in Tasmanien an und fand so ihre Großmutter, meine leibliche Mutter.

Schließlich stand ich nach tagelangem Fliegen vor meiner Mutter, am anderen Ende der Welt. Eine fremde Frau, die nicht anders konnte als mich weggeben, als sie jung, unverheiratet und 19 Jahre alt gewesen war. Natürlich erkannte sie mich nicht.

Aber wir unterhielten uns, und ich sagte ihr alles, was ich mein Leben lang mit mir herumgeschleppt hatte: dass ich ihre Entscheidung von damals verstehe, weil die Verhältnisse es verlangten, weil kein Vater da war. Dass ich ihr dankbar bin, dass sie nicht abgetrieben hat. Dass ich ihr nichts nachtrage. Meine Mutter erzählte mir, dass sie gedrängt wurde, mich zur Adoption freizugeben, und sie der Gedanke an mich und wie es mir wohl ging, nie losließ. Eigentlich hatte sie mich behalten wollen.

Ein paar Tage nach dem Besuch rief mich der Arzt meiner Mutter an. "Dieter, es ist ein Wunder geschehen", sagte er. Die Werte meiner Mutter hatten sich verbessert, aber eine medizinische Erklärung dafür gab es nicht. Vielleicht war einfach eine Last von ihr gefallen, die sie 68 Jahre mit sich herumgetragen hatte. Es war eine Art Erlösung für uns beide. Drei Wochen nach meinem Besuch verstarb sie schließlich. Es war, als hätte sie noch auf mich gewartet.

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Protokoll: Stefanie Pichlmair