Schloder wird ihn nie vergessen, den Winter von 1972, als der Wind besonders kräftig über die japanische Insel peitschte, bis Sapporo, wo die Sonne nur vier Stunden scheint. Der Wind passt so gut zu dem Sturm, der sein Leben plötzlich erfasst. Ein Tribunal baut sich vor ihm auf: Alois Schloder, wuschelige braune Haare, 24 Jahre alt, angeklagt. So wollen es die Männer, die über ihn richten. Schloder hat einen großen Kampf vor sich.

In jenem Winter finden sie bei ihm das verbotene Stimulanzmittel Ephedrin. Die Olympischen Winterspiele, diesmal zu Gast in Japan, haben den ersten Dopingfall ihrer Geschichte. Es ist ein Deutscher, und alles spricht gegen ihn. Die Männer sagen: Da ist so viel Ephedrin drin, gesteh endlich. Schloder sagt: Ich habe nichts genommen. Jahrzehnte später wird er diesen Satz noch immer sagen, der Argwohn ist sein Begleiter.

Der Fall zeigt, wie es auch laufen kann: Schloder ist damals deutscher Eishockeymeister, hat schon 90 Länderspiele, ist bald Rekordspieler. Das Eis gibt ihm Sicherheit, doch dann bricht es unter Schloder. Am 7. Februar 1972 gerät er in ein System, das nur Extreme kennt. Das keine Fragen mehr stellt, wenn die Probe positiv ist. Es ist ein Lehrstück über Brandmarkung, Sportpolitik und die Macht der Verbände, darüber, dass der Schein gewahrt werden muss und Freundschaft auch unter Medaillengewinnern kompliziert ist.

Das zeigt der umfangreiche Aktenbestand, den die ZEIT ausgewertet hat. Er dokumentiert Schloders Leben mit dem Vorwurf. Es sind handschriftliche Notizen, Zeugenaussagen von Spielern, Betreuern, Funktionären. Aktenvermerke, persönliche Briefe und Vereinspapiere.

Der Arzt kann keine Antwort mehr geben: Kurz nach den Vorfällen starb er

Aus ihnen entspinnt sich ein Kriminalfall, der keine einfachen Antworten kennt. Wer ist Täter? Wer ist Opfer? Die ZEIT verfolgt den Fall seit knapp drei Jahren. Mehr als 200 Seiten Akten liegen nun vor, die Logos aller großen Verbände tauchen darin auf.

Alois Schloder wohnt in Landshut hinter grünen Fensterläden. Sein Sportleben füllt drei Räume: Pokale, Silberbecher, Fotos mit Beckenbauer, Schloders Starschnitt aus der Bravo ("Die Eiskanone"), Pucks aus Lake Placid, alte Schläger (Ultra Vic 4050). Im Schrank stehen 33 grüne Ordner, Schloder hat alles dokumentiert, gegen Skoda Plzen, auf Krücken bei Walter Scheel. All das hat er ausgeschnitten, aufgeklebt, verarbeitet.

Und dann gibt es Ordner Nummer 34, Aufschrift: "Doping".

Er führt zurück nach Sapporo: In orangen Schneejacken stapfen die Athleten ins Stadion, ihr Biergarten ist ein Iglu-Dorf. Die Spiele starten mit einer Niederlage, es wird keine Medaillen geben. Nach dem Jugoslawien-Spiel muss Schloder zur Kontrolle und gibt zwei Urinproben ab, sie werden versiegelt. Stunden später herrscht Aufruhr, es sickert durch dunkle Kanäle: 10 bis 20 Mikrogramm. Die Ärztekommission spricht von einer hohen Dosis.

Haus Siebzehn im Olympischen Dorf brummt nun, hier residiert die deutsche Teamleitung. "Es wurde befragt, vernommen, untersucht, alles in bayerischer Sprache und Gründlichkeit." So notiert es ein Reporter der Münchner Abendzeitung. Der Trainer stürmt herein und fragt Lorenz Funk, Schloders Zimmergenossen: "Hat der Alois was gefressen?" In die Beweisaufnahme platzt die Meldung, auch die Zweitprobe sei positiv. Schloder scheint überführt.

Für das IOC, das Internationale Olympische Komitee, ist der Fall ein großer Erfolg, seit 1968 kontrolliert man die Athleten, jetzt haben sie im Winter zum ersten Mal einen erwischt. Alois Schloder sei schuldig, sein Ausschluss beantragt. Die Hintergründe klärt das IOC nicht auf. Der Ärztechef schreibt den Deutschen: "Doktor Schlickenrieder kann auf keinen Fall zur Rechenschaft gezogen werden." Der Arzt?

Dr. Franz Schlickenrieder ist damals einer der führenden Sportärzte Bayerns, Leiter des Sportmedizinischen Instituts Grünwald. Schloder sieht ihn zweimal im Jahr zum Check-up. "Ich habe ihm vertraut." Schlickenrieders Schatten wird ihm lange folgen. In der Bild steht alles über den "Doping-Skandal". In der DDR schreiben sie, die "bundesdeutsche Schwadron" habe dem olympischen Frieden ein Ende gesetzt. Schloder sagt: "Du bist dann der einsamste Mensch der Welt. Alle schauen dich an."

Doping - "Du verstehst die Welt nicht mehr" Der Eishockeyspieler Alois Schloder wurde 1972 während der Olympischen Winterspiele des Dopings beschuldigt. Bis heute kämpft er für seine Rehabilitierung. © Foto: ZEIT ONLINE

Von daheim kommen Telegramme, sein Vereinspräsident schreibt: "Kopf hoch, wir glauben dir." Freunde: "Lieber Loisi, in Landshut weiß jeder, dass du die Wahrheit sagst." Schloders Frau schreibt: "Wir halten zu dir." Da beginnt er, seine Erinnerungen zu notieren. Schloder will kämpfen, erinnert sich an den Besuch beim Doktor, der Blutdruck gemessen und etwas für den Kreislauf verordnet hatte. Schloder schreibt: "Durchdrückpackung", "Tabletten für Blutdruck", "rosa", "mindestens 10 Stück". Er zeichnet die Form der Tabletten auf, weiß aber einfach nicht, was es war. Alles, was Alois Schloder zu diesem Zeitpunkt weiß: Er soll schuldig sein. Der Weltverband sperrt ihn für sechs Monate. Schlickenrieder sagt, Schloder habe wohl ein Mittelchen von zu Hause mitgeführt. Experten sind sicher: "Er benutzt die geradezu klassische Ausrede eines Mannes, der Dopingmittel genommen hat."

Alois Schloder ist heute 69 Jahre alt und hat straffe Arme. Wenn der Kardiologe ruft, tritt Schloder ihm 300 Watt in die Maschine. Es sind die Tage vor Ostern, und Schloder trägt Adiletten. Drüben wohnt Erich Kühnhackl, die andere große Nummer im deutschen Eishockey. Die Grundstücksgrenze verläuft durch den Pool, den sich die beiden Familien teilen. Im Garten stehen die olympischen Ringe. Kühnhackl glaubt seinem Nachbarn: "Wir haben damals das Gleiche gegessen, das Gleiche getrunken."