Seit 30 Jahren ist Barack Obama bekennender Christ, und doch wurde ihm nachgesagt, er sei in Wahrheit ein Muslim, ein Voodoo-Zauberer oder ein Ungläubiger, der dem Christentum nur aus Kalkül beigetreten sei.

Wenn er an diesem Donnerstag in Berlin mit Angela Merkel auf dem Kirchentag über christliches Engagement in der Politik diskutieren wird, ist das alles weit weg. Dabei hätte ihn die Freundschaft zu seinem protestantischen Pastor Jeremiah A. Wright zu Beginn beinahe die Präsidentschaft gekostet. Der religiöse Hitzkopf hatte den jungen Sozialarbeiter Mitte der achtziger Jahre in Chicago in die Trinity United Church of Christ geholt, er taufte ihn, traute ihn und spendete auch den Töchtern die Taufe. Erst nach der öffentlichen Abkehr von seinem Mentor verziehen viele weiße Amerikaner Obama, dass er sich mit einem Aufwiegler eingelassen hatte, der von der Kanzel "Gott verdamme Amerika" gerufen hatte.

Seit John F. Kennedy, mit dem 1960 erstmals ein Katholik Präsident der USA wurde, begegnete keinem anderen Bewerber für das höchste Amt so viel religiöser Argwohn wie Obama. Das lag nicht zuletzt daran, dass er sich als junger Mann bewusst einer schwarzen Kirchengemeinde angeschlossen hatte, die auf ihre afrikanische Herkunft stolz war. Für den Sohn einer Weißen aus Kansas und eines Schwarzen aus Kenia war die Suche nach religiöser Identität auch eine Suche nach der eigenen Geschichte.

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Erfahrung berief sich Obama wie kaum ein zweiter Präsident auf die Bibel und holte sich den Rat von Geistlichen. Obama liebt den religiösen Gedankenaustausch. Es gefällt ihm, in vollen Gotteshäusern zu sprechen und mit dem Wort Gottes auch die eigene Botschaft zu verkünden. Kein Wunder, dass er die Einladung zum Kirchentag angenommen hat.

Die Rolle des Predigers ist Obama wie auf den Leib geschrieben, und er ist sich dessen durchaus bewusst. Da schwingt immer auch ein bisschen Berechnung mit. Aber seine Beschäftigung mit der Bibel, sagt Jerry Kellerman, einer seiner katholischen Mentoren aus den frühen Tagen in Chicago, habe Obama inspiriert und angespornt.

Mit der Bibel in der Hand begründete Obama auch seine Präsidentschaftskandidatur. Im März 2007 war er in die Stadt Selma im US-Bundesstaat Alabama gereist. Dorthin, wo 42 Jahre zuvor weiße Polizisten Hunderte von schwarzen Demonstranten niedergeknüppelt und ihrem Protestmarsch ein blutiges Ende bereitet hatten. Die legendäre Brown Chapel A.M.E. Church, in den sechziger Jahren ein Zentrum der Bürgerrechtsbewegung, hatte den damals noch unbekannten Bewerber eingeladen.

Obama, in schwarzem Anzug, weißem Hemd und weißem Schlips, trat vor den Altar und verlieh seiner Kandidatur im sonoren Prediger-Sound biblische Züge. Er erzählte von Josua, der – obwohl noch ziemlich unbedarft, aber fest im Glauben – von Gott auserwählt wurde, den Auftrag des Moses zu erfüllen und sein Volk ins Gelobte Land zu führen.

Gott hatte entschieden, mit Josua Geschichte zu machen. Obama war davon überzeugt, ebenfalls auserkoren zu sein, Geschichte zu schreiben. In den Ohren des weißen Gastes klang das befremdlich, doch für die schwarzen Kirchenbesucher, die zu Tausenden gekommen waren, lag in dieser Botschaft die lang ersehnte Ermutigung. "Ich sage dir, sei stark und mutig!", las Obama aus dem Buch Josua. "Hab keine Angst und verzweifle nicht. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst."

Dieser Bibelvers, erzählt ein enger Wegbegleiter, habe Obama immer wieder neuen Halt gegeben. Vor allem in schweren Stunden, wenn er als Präsident wieder einmal nach einem Amoklauf den Angehörigen der Opfer Trost spenden musste. Unvergessen der Augenblick, als er während eines Trauergottesdienstes nach einem Kirchenmassaker das Lied Amazing Grace anstimmte.