Die Woche hatte gerade angefangen, Washington lag in glühender Hitze, und die Amerikaner machten sich – in banger Erwartung oder mit grimmigem Galgenhumor – auf die erste Auslandsreise ihres Präsidenten gefasst: Trump würde in der Fremde wieder Unberechenbares anstellen, das war gewiss, aber es würde schon nicht so schlimm werden. Dann wurde es aber doch schlimm, und zwar schon bevor Trump überhaupt in der Luft war. Der Präsident erzählte den Russen, also den traditionellen Feinden, was er nicht mal seinen besten Freunden hätte verraten dürfen. Und einen Tag später behauptete der Mann, den er gerade gefeuert hatte, FBI-Direktor Comey, Trump habe ihn aufgefordert, doch gefälligst die Ermittlungen gegen den schwer belasteten Ex-Sicherheitsberater Flynn zu unterlassen. Ein Sonderermittler wurde berufen, eisiges Entsetzen fuhr durchs rechte Lager. Kurzum: Es war die chaotischste Woche in der jungen, wie im Zeitraffer dahinrandalierenden Amtszeit Trumps – und also der richtige Moment, um mit seinem schärfsten und eloquentesten Gegner zu sprechen: Bernie Sanders, dem großen Unabhängigen im Parteienapparat der USA. Bernie "The Bern" Sanders hat sich geweigert, seinen Wahlkampf von den Superreichen, den Konzernen, der Hochfinanz finanzieren zu lassen – und wäre gerade deshalb um ein Haar Präsidentschaftskandidat der Demokraten geworden. Wir treffen den berühmtesten Repräsentanten des nicht korrupten Amerikas in seinem Büro im Dirksen Senate Office Building. Im Keller des riesigen Baus gibt es eine U-Bahn, die die Senatoren zum Kapitol bringt. Architektur der Macht mit dem Nutzwert eines Bunkers.

DIE ZEIT: Senator Sanders, gerade jetzt, während wir uns hier in Washington treffen, kommt heraus, dass Präsident Trump beschuldigt wird, Ermittlungen des FBI verhindert zu haben.

Bernie Sanders: Dies ist ein trauriger Tag für unser Land. Die Amerikaner wollen sich mit den wirklich wichtigen Dingen befassen, die sie betreffen – etwa dem Umstand, dass 28 Millionen von ihnen keinerlei Krankenversicherung haben; sie wollen über die Ungleichheit in unserer Gesellschaft sprechen; über den Abstieg der Mittelklasse. Und nun müssen wir uns mit dem persönlichen Verhalten eines Präsidenten auseinandersetzen. Gerade erst haben wir erfahren, dass er eine hochgeheime militärische Information an die Russen weitergab, also an diejenigen, die den Massenmörder Assad unterstützen. Und nun kommt gleich die nächste Nachricht: Der von Trump gefeuerte FBI-Direktor Comey behauptet, Trump habe ihn aufgefordert, die Untersuchung gegen Michael Flynn einzustellen. Sollte das stimmen, wäre Trump eines ernsten Verbrechens schuldig: der Verdunkelung, der Behinderung der Justiz.

ZEIT:Donald Trump hat bewirkt, dass sich in aller Welt jetzt Kinder für Politik interessieren – weil sie sich Sorgen machen. Meine kleine Tochter gab mir den Auftrag, Sie zu fragen: Halten Sie es für möglich, dass der Präsident mit den seltsamen Haaren einen Krieg beginnt, dass er sogar die Atombombe abwerfen lassen wird?

Sanders: Ich habe auch vier Kinder … und sieben Enkel. Wir sind alle sehr besorgt über sein unverantwortliches Verhalten. Ich kann Ihrer Tochter nur sagen, dass wir alles tun werden, was in unserer Macht steht, um Trumps gefährliche Aktionen zu bekämpfen.

ZEIT: Im vergangenen Jahr, vor der Wahl, sprach ich mit Richard Ford, dem amerikanischen Schriftsteller, über die Möglichkeit, dass Trump Präsident werden könnte. Ford sagte: Nein, keine Sorge, Trump wird nicht Präsident werden und falls je doch, wird es vernünftige Kräfte im amerikanischen Militär geben, die den Mann lahmlegen werden – beispielsweise durch einen unblutigen Pusch. Halten Sie so etwas für möglich?

Sanders: Das wird nicht passieren. Einen Putsch wird es nicht geben. Aber natürlich, dieser Mann muss bekämpft werden! Trumps Verhalten, seine Lügen, seine Angriffe auf die Medien, auf die Justiz – all das ist empörend, gar nicht zu reden von seiner nationalen Agenda, die extreme Steuervergünstigungen für Superreiche einschließt und dem Staat so Geld vorenthält, welches die arbeitenden amerikanischen Familien dringend brauchen. Unsere Aufgabe ist es, die Amerikaner zu vereinen gegen diesen Mann.

ZEIT: Fühlen Sie sich manchmal wie Sisyphus? Sie haben es jetzt mit einer Macht zu tun, die nicht einen, sondern hundert Felsen den Berg hinunterrollt: Unter Trump droht ein enormer Backlash.

Sanders: Ich bin sehr zufrieden, dass sich im Land eine unglaublich starke grassroots-Opposition formiert – gegen Trump. Wir hatten den Women’s March, eine gewaltige Manifestation des Widerstands kurz nach seiner Amtseinführung. Wir hatten großartige Demonstrationen gegen die Umweltpolitik der Republikaner, gegen die furchtbare amerikanische Gesundheitspolitik. Es entstehen überall Widerstandsbewegungen, und ich glaube, das wird noch zunehmen.

Am 10. Dezember hielt Bernie Sanders im amerikanischen Senat eine Rede, die um 10.24 Uhr vormittags begann und um 19 Uhr endete. Er sprach achteinhalb Stunden lang ununterbrochen – aus Protest gegen die Steuerkürzungspläne für Reiche, die Präsident Obama im Schulterschluss mit den Republikanern durchsetzen wollte. Sanders bediente sich eines klassischen Mittels der amerikanischen Politik, des Filibuster, einer Verschleppungsrede, die eingesetzt wird, um Abstimmungen zu verhindern und parteipolitische Interessen durchzusetzen. Sanders’ Filibuster war aber mehr: Es war der Widerstand eines Parteilosen gegen den Apparat, der Aufstand eines Mannes, der sich der Übermacht in den Weg stellt, indem er sie in einen rhetorischen Akt verwickelt. Er tat es mit der Autorität eines Löwenbändigers. Wenn heute das mächtigste Land der Erde von einem Twitterer beherrscht wird, dessen Gedanken sich in 140 Zeichen fassen lassen, so muss man sagen: Sanders wäre ein Präsident für die geistige Langstrecke gewesen.