"Ein dämlicher Macho-Kult"

Ehemaliger Gefreiter des Logistik-Bataillons 104 in Pfreimd, 24 Jahre:

Irgendwann habe ich die ganzen Nazi-Sprüche nicht mehr ausgehalten und den Dienst quittiert. In sechs Monaten Wehrdienst ist mir klar geworden, dass ich wieder zurück an die Uni gehen möchte, anstatt mich um eine Offizierslaufbahn zu bemühen. Denn es stimmt, was die Leute sagen: Seit dem Wegfall der Wehrpflicht ist die Truppe zu einem Sammelbecken für Chauvinisten und Rechtsradikale geworden. Da wollte ich nicht dazugehören.

Am Anfang war eigentlich alles in Ordnung: Obwohl ich vor Beginn meiner Grundausbildung lange Zeit keinen Sport gemacht hatte, war ich einer der Fittesten in meinem Zug, und auch mit den Kameraden kam ich gut zurecht. Ein bisschen seltsam fand ich es aber schon damals, dass wir bei den Übungen alte Wehrmachtslieder singen sollten: Es ist so schön, Soldat zu sein, solche Sachen.

Die ersten echten Probleme gab es, als ich zu den Logistikern nach Pfreimd verlegt wurde. Dort haben sie immer gleich diejenigen "Schwuchtel" genannt, die das Training nicht schafften. Jemand galt als schwul, wenn er bei den Schießübungen zusammenzuckte. Ein dämlicher Macho-Kult. Ich habe mich mit meinen Kameraden oft über diese Dinge gestritten. Wirklich gebracht hat es nichts. Als dann aber ein Hauptfeldwebel beim Fußballgucken auf der Stube einen Spieler vom VfL Wolfsburg als "Quotenneger" beschimpfte und forderte, ihm den Kopf abzuschlagen, habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, aufzuhören.

Leider habe ich mich damals nicht getraut, die rassistischen Vorfälle in unserer Kaserne zu melden. Denn einerseits besteht die Gefahr, dass der eigene Vorgesetzte genauso drauf ist. Andererseits gilt man schnell als Kameradenschwein.

Das Problem der Bundeswehr sind in meinen Augen nicht die verkrusteten Strukturen, sondern es ist vielmehr die Mentalität der Leute, die in die Truppe aufgenommen werden. Das liegt wohl daran, dass so dringend Leute gebraucht werden. Aber es kann doch nicht sein, dass dort Kameraden unterwegs sind, die überhaupt keinen Schulabschluss haben oder kaum lesen und rechnen können.

"Soldaten brauchen nicht weniger, sondern mehr Härte"

Fallschirmjäger aus Bayern, 38 Jahre:

Ich bin seit über 20 Jahren Berufssoldat, heute bilde ich vor allem junge Soldaten aus. Ich kenne Pfullendorf und Sondershausen, die Kasernen, in denen Soldaten angeblich gedemütigt und schikaniert wurden, aus früheren Zeiten. Die pauschale Kritik an den Ausbildern kann ich nicht nachvollziehen. Ich unterstütze die Aufklärung aller Vorwürfe, aber die Folgen dürfen nicht alle treffen. Wir machen einen hervorragenden Dienst, und das ohne Rückhalt in der Gesellschaft und der Politik. Sogar Familienmitglieder distanzierten sich nach den Medienberichten von mir. Ich kann nur sagen: Wir bilden junge Menschen in immer weniger Zeit mit immer knapperen Mitteln für immer extremere Einsätze aus. Wenn ein Soldat am Abend zuvor gesoffen hat und am nächsten Tag sein Kreislauf bei einer Übung versagt hat, dann wurde er nicht in einem Gewaltmarsch geschunden. Er wurde wie alle anderen Soldaten angetrieben, seine Übung ordentlich zu machen. Wenn die Leute sagen, dass das menschenunwürdig sei, dann kann ich nur entgegnen: Krieg ist menschenunwürdig.

Unsere Soldaten müssen nun einmal damit rechnen, in den Krieg zu ziehen. Dafür brauchen sie in ihrer Ausbildung nicht weniger, sondern mehr Härte. Das melden uns sogar Soldaten nach ihren Auslandseinsätzen zurück. Früher musste ich 30 Kilometer marschieren, seit sieben Jahren marschieren die Soldaten nur noch lächerliche zwölf Kilometer. Soldaten müssen wissen, wie sie im Ernstfall verwundete Kameraden versorgen. Weil Eingriffe wie die Atemwegssicherung aber schmerzhaft sind, dürfen wir sie nicht mehr regelmäßig durchführen. Situationen wie feindliche Verhöre unter physischem und psychischem Druck, wie sie in den USA geübt werden, simulieren wir hier gar nicht erst. In der Realität gibt es diese Situationen aber – und sie werden mehr.

Die negativen Berichte über die Ausbildungspraktiken machen mich hilflos. Viele Ausbilder nehmen nun aus Angst um ihre Karriere mehr Rücksicht auf die Auszubildenden. Wohin soll das führen? Sollen wir die jungen Soldaten künftig freundlich darum bitten, an Übungen teilzunehmen und ordentlich mitzumachen? Als Ausbilder müssen wir ihnen beibringen, Schaden abzuwenden und extreme Situationen zu überleben. Alles andere werden wir mit Blut bezahlen.