Was ist die Tradition der Bundeswehr? Worauf soll sie sich berufen, woran erinnern? Die Entdeckung einer rechtsradikalen Terrorzelle, die sich an Wehrmachtsrelikten ergötzt, scheint einer aufgescheuchten Öffentlichkeit und der Verteidigungsministerin den Gedanken nahegelegt zu haben, dass alles zu verbieten sei, was hinter das Gründungsdatum der Truppe zurückreicht. Die Entscheidung der Helmut-Schmidt-Universität jedenfalls, das Foto ihres Namensgebers zu entfernen, nur weil es ihn in einer Wehrmachtsuniform zeigt, spricht für eine gewisse Übertreibung beim Versuch, die Institutionen der Bundeswehr von Zeugnissen einer verbrecherischen Vergangenheit zu säubern (ZEIT Nr. 21/17).

Wenn es wirklich ein Skandal wäre, dass Helmut Schmidt im Zweiten Weltkrieg Soldat gewesen ist, hätte er auch niemals Bundeskanzler werden dürfen – und müsste im Übrigen sein fortdauernder Nachruhm ebenfalls als Skandal bewertet werden. Oder fürchtete man, dass sein Porträt, das Porträt eines dermaßen verehrten Mannes, zur Ehrenrettung jener Armee beitragen könnte, deren Offizier er war? Seht her, selbst Helmut Schmidt – und so weiter?

Wenn das tatsächlich der Gedankengang war, dann haben der Säuberungserlass der Ministerin und, natürlich, die Enthüllungen über rechtsradikale Umtriebe in der Bundeswehr ein Uhrwerk des Selbstmisstrauens in Gang gesetzt, das die Zeiger auf 1945 zurückstellt und alle unterdes gewonnene demokratische Moral und Vernunft in Zweifel zieht. Klug wäre das freilich nicht. Einem Offizier oder Offiziersanwärter, mit dem die Bundeswehr etwas anfangen will, muss jederzeit zugetraut werden, Vergangenheit und Gegenwart zu trennen und in der Nachkriegskarriere des Kanzlers den Willen einer ganzen Generation zu erkennen, die schlimme Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das hat die Norm zu sein; der Verstoß gegen sie wäre zu ahnden, nicht, die Geltung der Norm selbst infrage zu stellen. Der Glaube an die moralische Emanzipation bildet geradezu die Arbeitshypothese für eine Armee der Nachkriegsrepublik Deutschland; andernfalls dürfte man sie gar nicht haben.

Denn loswerden oder abschütteln kann man die deutsche Vergangenheit nicht. Gerade darum wäre es dumm, jede Erinnerung an die Wehrmacht, auch an persönliche Verfehlung mancher Bundeswehrgründer oder Namenspatronen von Kasernen, tilgen zu wollen. Es schadet gar nicht, wenn sich der eine oder andere Standort mit einem Namen herumschlagen muss, der im Zwielicht steht. Daran lässt sich erstens lernen, die militärische Tüchtigkeit im engeren Sinne von dem verbrecherischen Zusammenhang, dem sie diente, zu unterscheiden, und zweitens einzusehen, dass diese Tüchtigkeit nichts wert ist, wenn sie sich missbrauchen lässt; im Gegenteil.

Es wäre interessant zu erfahren, wie die Ministerin ihren Säuberungsbefehl mit der Ausnahme versöhnen will, die sie für die Wehrmachtsoffiziere im Widerstand formuliert hat. Mit jeder Henning-von-Tresckow-Kaserne, Graf-Stauffenberg-Kaserne, Generaloberst-Hoepner-Kaserne werden Männer heraufbeschworen, die an der verbrecherisch enthemmten Kriegsführung beteiligt waren. Wollte man die Verbrechen mit den Kasernen ehren? Nein, man wollte die moralische Karriere ehren, die Umkehr und mit dem Hinrichtungstod beglaubigte Buße, die diese Offiziere mit ihrer Hinwendung zum Widerstand vollzogen. Das Vorbild für die Bundeswehr besteht in der Ermahnung, gottlose und sittenwidrige Befehle zu verweigern, gegebenenfalls sogar einem entgleisten Staat "in die Speichen zu greifen" (Dietrich Bonhoeffer), und zwar eher früher als so spät, wie es die Verschwörer des 20. Juli taten.

Dieses Vorbild würde aber zu den Soldaten gar nicht sprechen, wenn von der Wehrmacht stille geschwiegen würde. Die Wehrmacht ist geradezu die Folie, auf der das Selbstverständnis der Bundeswehr entwickelt wurde und vor der es auch heute noch verstanden werden sollte. Insofern ist es auch nicht von Nachteil, wenn in der Marineschule Mürwik noch immer das kitschige Seestück vom Untergang der Bismarck im Mai 1941 hängt – kein Skandal, wie manche Kommentatoren meinen, sondern ein anschauliches Lehrstück in doppelter Hinsicht, für militärische Führungsfehler, die in der menschenverachtenden Selbstversenkung gipfelten, und für die Sinnlosigkeit, die der Opfertod hat, wenn die übergeordneten Kriegsziele selbst schon menschenverachtend und verbrecherisch sind. Aus dem Untergang der Bismarck lässt können Bundeswehrsoldaten viel lernen, unter anderem auch über verantwortungslose Rüstungspolitik und Materialbeschaffung. Die Bismarck hatte bekannte technische Mängel; schon ihre Indienststellung war zynisch.