Sie sei noch unentschlossen, hat sie am Telefon gesagt, einige Wochen vor unserem Treffen. Den einen einzigen habe sie nicht, es gebe so viele, die da infrage kämen, im Grunde stehe bei ihr jeder Film für eine bestimmte Zeit. Lost in Translation vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Sie wolle sich noch nicht festlegen. Dass Caren Miosga es dann irgendwann doch tut, liegt vor allem daran, dass inzwischen das Kino angemietet ist und der Betreiber wissen muss, welchen Film er bestellen soll. Es bleibt bei Lost in Translation, USA/Japan 2003, Regie Sofia Coppola, in den Hauptrollen Bill Murray und die damals erst 17 Jahre alte Scarlett Johansson. Ein Klassiker, Oscar für das beste Drehbuch, ein Film für Freunde der Melancholie in zartbitter.

Wir treffen uns kurz nach dem Frühstück, am grünen Ufer der Aare vor dem Kino Cinématte in Bern, das früher mal ein Fabrikgebäude war. Dass Caren Miosga erkältet ist, sieht man ihr nicht an. Sie sitzt gut gelaunt in der Sonne, obenrum Tagesthemen, untenrum Freizeit. Sie trägt eine puderfarbene Seidenbluse, dazu etwas Jogginghosenartiges in Petrolblau und derbe Lederschuhe, was insofern bemerkenswert ist, als sie darin viel mehr nach Caren Miosga aussieht als im Fernsehen.

Sie wirkt nahbar, zugänglich. Man könnte sie jetzt nach der aktuellen Lage in, sagen wir, Frankreich fragen, aber auch, ob sie mal eben ein schweres Möbelstück tragen helfen könne. Ihr Lachen, hell und offen, klingt weder höflich noch besonders seriös. Wahrscheinlich hört man es auch deshalb nur selten bei den Tagesthemen.

Als Miosga 2011 den Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz in einem Interview lachend fragte, warum er am Wahlabend trotz seines großen Erfolgs "so euphorisch wie ein englischer Butler zur Tea-Time" wirke, gab es bergeweise Protest. "Dabei fand Scholz das am lustigsten. Bei unserer nächsten Begegnung hat er zu mir gesagt: ›Die sagen jetzt immer alle Butler zu mir, danke schön.‹"

Caren Miosga ist anders als die anderen im Nachrichtenformat. Freundlicher. Verbindlicher. Sympathischer. Nur bei den Worten "Charme als Waffe" zuckt sie zusammen. Als sie vor zehn Jahren als Moderatorin zu den Tagesthemen kam, ging es oft darum – und um ihre Augenbrauen. Sie sagt, sie habe anfangs überlegt, ob sie jetzt härter auftreten müsse als bei den Kultursendungen, die sie vorher moderiert hatte. "Aber es ist einfach unglaubwürdig, wenn ich versuche, so ein Rottweiler-TV zu machen, besonders bissig und so. ›Wir haben recherchiert! Wir haben aufgedeckt!‹ Das ist doch Unsinn."

2003, als Lost in Translation in die Kinos kam, war Miosga beim Kulturjournal des NDR-Fernsehens und beim Medienmagazin Zapp zu sehen. Ein Jahr später lernte sie ihren Mann kennen, zwei Jahre darauf kam ihre erste Tochter zur Welt. Der Film erzählt die Geschichte des im Zustand abnehmenden Ruhms gestrandeten Schauspielers Bob Harris (Bill Murray) und der sinnsuchenden College-Absolventin Charlotte (Scarlett Johansson), deren Lebenswege einander in einem Hotel in Tokio kreuzen. "Vielleicht war ich damals selbst auf so einer wabernden Suche, in einem Dazwischen. Kann sein, dass der Film mich deshalb so berührt hat." Miosga sieht ihn heute zum vierten Mal.

Die Vorführerin fährt die Rollos vor den Sprossenfenstern herunter. Der Saal ist lose bestuhlt, wir sitzen an einem Bistrotisch. Sonst ist keiner da. Miosga packt eine abgewetzte Frühstücksdose mit Weintrauben aus, die ihre zwei Töchter am Morgen vergessen haben, eine Tüte mit Croissants ("Leider sehr schlecht, aber bedienen Sie sich gern") und eine Packung Taschentücher. Im Dunkeln kramt sie nach einem Block und findet keinen, dankt flüsternd für geliehenen Stift und Papier, während vor uns Scarlett Johanssons Hintern in einem transparenten rosaroten Slip die Leinwand füllt. "Das ist schon mal eine herrliche Szene", sagt Caren Miosga. Dann sagt sie eine lange Weile nichts mehr.

Bob Harris soll in Japan einen Whisky bewerben ("For relaxing times, make it Suntory time"); Charlotte begleitet ihren Mann, den hyperaktiven Fotografen John (Giovanni Ribisi), auf einer Arbeitsreise. Einsam und haltlos bewegen sich Bob und Charlotte in einer Welt, die ihnen fremd ist, durch anonyme Flurfluchten, Hotelbars und die blinkenden Lichter der Stadt. Caren Miosga hustet hin und wieder (die Erkältung), kichert während Bobs Werbe-Dreh mit dem exaltierten Regisseur, lacht laut auf, als die Prostituierte, die man Bob als Geschenk aufs Zimmer schickt, zunächst verführerisch, dann sehr resolut "Lip my stocking" fordert, sich schließlich strampelnd auf dem Rücken windet und Bob samt Stehlampe zu Boden reißt.