Vier Politiker erzählen von ihrem Weg durch Schule und Universität. Und von ihren Ideen für mehr Chancengerechtigkeit.

"Gemeinsam lernen"

Ich komme aus einem Dorf neben der Kernforschungsanlage Jülich, mein Vater arbeitete in einer nahegelegenen Molkerei. Wir Arbeiterkinder gingen mit den Kindern der Atomkraftingenieure in dieselbe Grundschule. Ich war ein sehr guter Schüler, aber meinen Eltern wurde abgeraten, mich aufs Gymnasium zu schicken – ich hätte einfach zu oft Bronchitis. Diese Formulierung habe ich nie vergessen. Erst später wurde mir klar: Die Gymnasialempfehlungen waren für die Ingenieurskinder reserviert. Auf der Hauptschule langweilte ich mich dann so sehr, dass sich Lehrer für mich einsetzten. Ich kam erst auf die Realschule, dann aufs Gymnasium. Verglichen mit der Hürde nach der Grundschule, waren Abitur, Medizinstudium, Promotion und Professur wirklich harmlos.

Ich bin davon überzeugt, dass es Kindern guttäte, länger gemeinsam zu lernen. Die Eltern und die erste Schule kann man sich nicht aussuchen – deshalb würde ich mir eine qualitativ hochwertige Gemeinschaftsschule wünschen.

"Ein wacher Blick"

Ich stamme aus einem beruflich gebildeten Elternhaus, nach dem Abitur habe ich eine Ausbildung bei der Bank gemacht. Das Angebot, danach eine Karriere in einer Großbank zu beginnen, schlug ich aus, weil mir der dortige Verantwortliche geraten hat, erst mal zu studieren.

Es braucht einen wachen Blick von Lehrern und anderen Förderern, damit unsere verschiedenen Talente möglichst früh entdeckt und gefördert werden. Dazu müssen Menschen unterschiedlicher Herkunft sich aber auch begegnen und füreinander interessieren – in der Schule, beim Sport, in der Freizeit.

"Mehrere Milliarden"

Als ich 16 war, wollte ich Deutschlehrerin werden. Meine Lehrerin sagte: "Vergiss es. Das eine glauben und den Kindern das andere erzählen schaffst du nicht." Sie hatte recht. Das war für viele Menschen in der DDR Alltag, unterschiedliche Dinge zu Hause und in der Öffentlichkeit zu sagen. So studierte ich Theologie, wäre damit die erste Akademikerin unserer Familie gewesen. Dann kam es anders: 1988 erwartete ich mein erstes Kind. Und auf der Straße begann die Friedliche Revolution. Ich brach die Uni ab.

Klar ist: Es braucht viele Maßnahmen, um Chancengerechtigkeit herzustellen: vom Kita-Besuch bis zur Studienunterstützung, wir müssen junge Menschen in ihrem Können stärken. Wir brauchen eine Bildungsoffensive von mehreren Milliarden Euro in den nächsten Jahren.

"Mehr Bafög"

Viele Hürden habe ich in meiner Bildungslaufbahn nicht überspringen müssen, obwohl mir bewusst ist, dass es diese in der DDR selbstverständlich gab. Nach dem Abitur in Mecklenburg-Vorpommern studierte ich in Berlin und promovierte in Moskau, was für einen Jungen aus bescheidenen Verhältnissen ungewöhnlich war. Hürden habe ich bewusst erst nach 1989 wahrgenommen, etwa als sich mein Fremdsprachendefizit zeigte.

Die eine Maßnahme für größere Bildungsgerechtigkeit gibt es nicht. Bafög muss als Vollzuschuss gewährt und der Kreis der Anspruchsberechtigten erhöht werden. Zudem sollten bessere Förderungen für ein Teilzeit-Studium geschaffen werden, um den sich verändernden Bildungswegen Rechnung zu tragen.