Der Preis der Einheit

Woher das Geld für die Wiedervereinigung kam

Dass der Osten inzwischen vielerorts schicker ausschaut als der Westen, hat sich herumgesprochen. Und manche westdeutsche Landesregierung ärgert sich darüber. Trotzdem erhalten die neuen Länder weiterhin viel Geld: Allein der Solidarpakt II hat 2017 wieder 3,5 Milliarden Euro in die Kassen der fünf Ost-Länder gespült. Seit 1990 sollen insgesamt 1,6 Billionen Euro aus dem Westen in den Osten geflossen sein.

Wer musste in den vergangenen 27 Jahren die Rechnung für die deutsche Einheit bezahlen? Wo kam das Geld her? Wer hat profitiert?

Der MDR hat für die dreiteilige Dokumentation Wer bezahlt den Osten? umfangreiche Statistiken ausgewertet und Akteure von einst besucht. Mit vielen Protagonisten der Sendung, die von der kommenden Woche an ausgestrahlt wird, hat die ZEIT vorab gesprochen – und stellt sie hier vor.

Darunter ein Mann, der 1990 zu den wichtigsten politischen Entscheidern gehörte. Eine Ingenieurin, die aus ihrer VEB-Abteilung einen florierenden Konzern machte. Und ein Unternehmer, der reich wurde, weil er den Ostdeutschen Möbel verkaufte.

Eine Erkenntnis: Es waren nicht nur die Westdeutschen, die extrem viel für die Einheit gegeben haben – und es waren nicht nur die Ostdeutschen, die nahmen. Stattdessen hat die Einheit auf beiden Seiten Gewinner und Verlierer produziert: Die neuen Länder waren ein dankbarer Markt für westdeutsche Konsumgüter. Die Ostdeutschen mussten damit umgehen, dass ihre Wirtschaft radikal einbrach.

Und trotzdem war die Wiedervereinigung, auch wirtschaftlich, ein Erfolg.

Der Aufbau-Ost-Profi

Die Rechnung für die Wiedervereinigung – in den Augen von Johannes Ludewig ist klar, wer sie bezahlt hat: "Der Staat, die Bürger und die Wirtschaft – und zwar in Ost und West." Der spätere Bahn-Chef Ludewig war Staatssekretär im Bundeskanzleramt, als die Mauer fiel. Es sei, sagt er, 1990 keinem der politischen Entscheider ums Geld gegangen. "Wenn die Vereinigung noch ein paar Hundert Milliarden mehr gekostet hätte, hätten wir das auch gemacht. Das war damals absoluter Konsens: Am Geld scheitert diese einmalige Chance nicht!", sagt er im Gespräch mit der ZEIT. Und doch sei das Thema Geld in den Jahren nach der Wende auf unselige Weise in den Fokus gerückt: "Die Westdeutschen haben zunehmend nur noch übers Geld geredet." Dass die Einheit, davon abgesehen, der größte Erfolg in der Geschichte des Landes war – sei vergessen worden.

Was die Einheit für die Ostdeutschen bedeutet habe, sei ihm selbst klar geworden, als er 1994 als Vermittler an der Übernahme der Buna-Werke durch US-Investoren in Schkopau beteiligt war. "Damals habe ich unglaublichen Respekt davor bekommen, was die Menschen durchmachen mussten, was sie in Kauf genommen haben." Die Betriebsräte hätten immense Einschnitte akzeptiert – um ein paar mehr Jobs zu retten. "Das ist im Westen überhaupt nicht anerkannt worden", sagt Ludewig heute. Die ganze Welt habe die Deutschen bewundert für diese Einheit. Nur die westdeutsche Bevölkerung sei skeptisch gewesen. "Dabei ist im Westen nicht ein Lebensentwurf an der Wiedervereinigung zerbrochen. Im Osten gibt es hingegen keine Familie, in der nicht mindestens ein Mitglied an der Wende schwer zu tragen hatte."

Johannes Ludewig (CDU), 71, war von 1975 bis 1997 in verschiedenen Bonner Bundesministerien tätig und später Chef der Deutschen Bahn.

Das Dorf und der Investor

Wenn Kurt Krieger mit seinem Hubschrauber über Waltersdorf fliegt, "dann freuen sich heute immer noch alle", sagt Renate Pillat. Selbst wenn Waltersdorfs Ortsvorsteherin damit womöglich ein bisschen übertreibt: Kurt Krieger hat dem kleinen Dorf gutgetan, zumindest finanziell. 1991 hatte der Mann aus Westberlin, Inhaber der Möbelkette Höffner, die kleine Gemeinde südöstlich von Berlin als Standort auserkoren. Auf einem Grundstück am Dreieck der Autobahnen 113 und 117 wollte er ein neues Möbelhaus bauen, damals das größte im Raum Berlin. Mit Renate Pillat verhandelte er darüber. "Natürlich war es eine sehr ungleiche Begegnung zwischen uns", sagt Pillat, damals schon Dorfbürgermeisterin. Als sie mit Krieger im Rathaus gesessen habe, habe der zum Beispiel irgendwann gesagt: "Machen Sie sich doch von diesem Dokument mal eine Kopie." Aber das war gar nicht so einfach, sagt Pillat. "Ich habe ihm gesagt, ich kann höchstens eine Abschrift machen lassen, denn es gab hier keinen Kopierer." Krieger spendierte der Gemeinde umgehend einen. "Das war natürlich irre, wie das damals gelaufen ist", sagt Pillat heute. Bestechung, wie später unterstellt worden sei, habe sie Kriegers Verhalten nicht nennen können: "Er wollte einfach sicherstellen, dass wir halbwegs auf Augenhöhe verhandeln können."

Später sei Krieger zur Einwohnerversammlung in der Dorfkirche gekommen. "Und er hat uns klipp und klar gesagt, womit wir rechnen müssen: Verkehr, Baulärm und so weiter." Aber Krieger sagte eben auch, was er im Gegenzug zu geben bereit war: harte Währung. Renate Pillat erzählt: "Krieger hat uns später einen Scheck über zwei Millionen Mark ausgestellt, damit wir loslegen konnten. Als Erstes haben wir ein Feuerwehrauto gekauft, später die Kita neu gebaut."