Nun folgten auch die Grünen einem neuen Trend, der in Österreich um sich zu greifen scheint: der überfallsartige Rücktritt an einer Parteispitze. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wirbelte ein Bericht auf ZEIT ONLINE die Innenpolitik durcheinander: Der Rücktritt der Grünen-Chefin Eva Glawischnig, stand da zu lesen, stehe unmittelbar bevor. Die grüne Spitze ging auf Tauchstation. Die Kommunikationsleiterin verschickte eine breit gestreute SMS, mit der die Funktionäre mit vielen Rufzeichen aufgefordert wurden, keine Reaktion zu zeigen. Man solle einfach die Mobiltelefone abschalten, hieß es da. Das hatte Erfolg: Viele Stunden lang konnte kein Nachrichtenportal in Erfahrung bringen, was vor sich ging. Weder ein Dementi noch eine Bestätigung der Meldung war zu erhalten. Erst am nächsten Morgen kündigte die Partei an, Glawischnig werde in Kürze ihren Abschied bekanntgeben.

Die Meldung erwischte auch viele grüne Mandatare im Bund und in den Ländern auf dem falschen Fuß. Sie waren nicht eingeweiht in das, was sich da seit einiger Zeit im inneren Kreis zusammenbraute. Einige beschwerten sich bitter, dass sie vom parteiinternen Informationsfluss abgeschnitten worden waren und die Nachricht vom Abschied der grünen Frontfrau aus den Medien hatten erfahren müssen.

Als am Donnerstagvormittag Eva Glawischnig bei einem bewegten Auftritt im Parlament ihren unverzüglichen Rücktritt von allen Ämtern erklärte, nannte sie ausschließlich private Gründe, die sie zu diesem Schritt bewogen hätten. Das war aber nur die halbe Wahrheit. Die Grünen-Chefin stand innerhalb ihrer Partei seit geraumer Zeit in heftiger Kritik. Einerseits wurden ihr und ihrem kleinen Kreis von Vertrauten autoritäre Tendenzen vorgeworfen. Anderseits bemängelten einige, vor allem aus der Runde grüner Veteranen, Glawischnig habe es verabsäumt, aus dem Sieg des grünen Präsidentschafts-Kandidaten Alexander Van der Bellen neuen Schwung für die Partei zu generieren. Fast ein Jahr lang hatten die Grünen darauf verzichtet, politisch in Erscheinung zu treten, nun schien es, als hätten sie es verlernt. Spätestens nachdem sie Ende April mit einem Kraftakt die unbotmäßige Jugendorganisation aus der Partei gekegelt hatte, war der Druck so groß geworden, dass die Grünen-Chefin ernsthaft ihren Rücktritt ins Auge fasste. Zuvor sollte allerdings die Nachfolge-Frage geregelt werden.

Als die Nachricht vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangte, verhagelte es den Grünen eine professionelle Inszenierung ihrer Personalrochade. Gleichviel dürfte der Einigungsprozess schon so weit fortgeschritten gewesen sein, dass sich der Bundesvorstand auf seiner Sitzung in Salzburg ohne lange Diskussion auf eine Doppelspitze einigte: Die 38-jährige Tirolerin Ingrid Felipe, seit vier Jahren Stellvertreterin des Landeshauptmanns, übernimmt die Parteiführung und signalisiert damit einen bevorstehenden Generationswechsel, und die 60-jährige Europa-Abgeordnete Ulrike Lunacek wird am 15. Oktober als grüne Spitzenkandidatin bei den Nationalratswahlen antreten und damit zumindest für den Augenblick auch Kontinuität demonstrieren. Beide Politikerinnen hatten bisher zu den Nachfolge-Favoritinnen gezählt, und Felipe war schon vor einem Jahr als "Reserve-Eva" in Erscheinung getreten.

Die Personalentscheidung verbessert allerdings nicht im geringsten die schwierige Situation, in welche die Partei in letzter Zeit geschlingert war. In nahezu allen Politikfeldern hat sie viel Terrain verloren. Bei den meisten anstehenden Entscheidungen haben sie jede Bedeutung verloren. Einzig die Funktion, beim Beschluss eines Verfassungsgesetzes – wie gegenwärtig in der Bildungspolitik – der abtretenden Regierungskoalition noch eine Zweidrittelmehrheit zu bescheren, ist ihnen verblieben. Die Grünen überraschen schon lange nicht mehr mit Ideen, sie treten nicht durch eigenen Initiativen in Erscheinung, machen nicht mit energischer Oppositionsarbeit auf sich aufmerksam. Sie wirken wie einige eher unbedeutende Rädchen im innenpolitischen Getriebe.

Die Vorverlegung der Wahlen raubt ihnen noch dazu eine Bühne, auf welcher der grüne Vorzeige-Aufdecker Peter Pilz zu Recht gehofft hatte, ein Jahr lang glänzen zu können und dadurch auch seiner Partei zu öffentlicher Anerkennung zu verhelfen. Der Untersuchungsausschuss für das verkorkste Eurofighter-Geschäft wird nun nur mehr in einer sehr verstümmelten Form stattfinden und kaum politischen Profít für die Akteure abwerfen.

Das ist eine wenig erfreuliche Ausgangssituation für das neue Führungsduo, für das erschwerend hinzukommt, dass es bundespolitisch gar nicht in Erscheinung treten kann. Der Wahlkampf wird sich bis Oktober immer mehr zu einem Dreikampf zuspitzen, in dessen Getöse es den Grünen sehr schwerfallen wird, sich überhaupt Gehör zu verschaffen.

Auch inhaltliche Alternativen, die genügend Strahlkraft aufbringen, um Wähler anzulocken, werden die Grünen in einer Wahlauseinandersetzung nur schwer für sich ins Treffen führen können, die auf einen absoluten Persönlichkeitswettbewerb hinausläuft. Spitzenkandidatin Lunacek versucht es vorerst einmal mit der Behauptung, die Grünen wären die einzige Partei, die eine Beteiligung der Freiheitlichen an der nächsten Regierung verhindern könne. Da ist aber die Illusion die Mutter des Gedankens. Bei der derzeitigen Kräftekonstellation bedarf es schon einer sehr kreativen Anwendung der Grundrechnungsarten, will man in einer Zwölfprozentpartei eine Sperrminorität erkennen.

Weit entfernt davon, realistisch hoffen zu können, sie könnten ihre Wählerbasis verbreitern, werden sich die Grünen wohl auf ihr Bessermenschen-Kernsegment zurückziehen, in der Hoffnung, nicht allzu tief unter die Zehnprozentmarke abzustürzen und dann ihre Partei neu aufzustellen. Personell scheinen jedenfalls die Weichen in diese Richtung gestellt. Lunacek ist das Signal, sich lieber der alten Werte zu besinnen als neumodische Vorstellungen zu hegen. Das soll zumindest die harte Basis bei der Stange halten.

Die jüngere Parteichefin, eher dem Realo-Flügel zuzuordnen, ist im Westen weit genug entfernt, wenn nach einem krachenden Wahldebakel die Schrapnells herumschwirren. Sollte aber Lunacek, die vorsichtshalber ihr Europa-Mandat vorläufig behalten will, wieder nach Brüssel fliehen, wird die Personalsuche von Neuem stattfinden müssen. Von Ingrid Felipe, allein erziehende Mutter eines 13-jährigen Sohnes, heißt es, sie wolle so lange in Innsbruck bleiben, bis ihr Sprössling maturiert hat.