Alles begann im Jahr 2001. Da gewann der Hilfsarbeiter Clemens Meyer den Literaturpreis des MDR mit einer Story über eine kaputte Postwendekindheit zwischen Autoklau, Alkoholmissbrauch und Suizid. Daraus ging der Erfolgsroman Als wir träumten hervor – als Diplomarbeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Für seinen Erzählungsband Die Stadt, die Lichter mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, ist Clemens Meyer eine feste Größe der deutschen Gegenwartsliteratur: von vielen glühend verehrt für seinen Hemingway-Realismus, von einigen als ewiger Kraft-Meyer abgekanzelt, immer wieder missverstanden als Vorzeigeautor der authentischen Rede vom ostdeutschen Prekariat.

Zuletzt war von ihm das sinistre Sittengemälde Im Stein zu lesen. Wieder waren alle Zutaten, die man mit Meyer in Verbindung bringen konnte, da: der menschliche Abgrund in Form von Sex, Geld, Drogen und Gewalt. Meyer lieferte aber nicht nur den Blick hinter die Kulissen des Rotlichtgewerbes. Er nutzte den kapitalen Wirtschaftskomplex als Brennspiegel unserer Gesellschaftsordnung. Und nun, sagte Clemens Meyer im Gespräch, musste er sich erholen von den Strapazen dieses kräftezehrenden Romans. Entstanden ist ein zauberhafter Erzählungsband. In drei Teile, die aus je drei präludierten Erzählungen bestehen, hat Meyer seine Sammlung Die stillen Trabanten gegliedert. Und gleich die erste Geschichte ist ein Meisterwerk en miniature: Auf nicht mehr als zwei Seiten wird eine menschliche Tragödie geschildert – im Medium der Sprachlosigkeit. Nicht nur, weil die geschilderten Personen – Gärtner, Hilfsarbeiter, Tankstellenpersonal – sich untereinander aufgrund ihrer fremden Herkünfte nicht verständigen können, sondern auch, weil Autos und Motorsensen das Hinhören erschweren. Auf einer Lichtung kauern ein paar kopftuchtragende Frauen um ein totes Kind. Offensichtlich hatte es sich an einer Pflanze mit dem hübschen Namen Herbstzeitlose vergiftet. Ein Flüchtlingsdrama, das in seiner Skizzenhaftigkeit ein abgründiges Eigenleben entfaltet.

Exemplarisch für diesen wissenden, doch niemals besserwisserischen Blick ist die Geschichte Späte Ankunft, in der die Begegnung zweier Nachtschichtlerinnen beschrieben wird. Eine Frau, die seit Jahren bei der Zugreinigung arbeitet, und eine Bahnhofsfriseurin machen Bekanntschaft in der Bahnhofskneipe. "Sie kommen auch noch aus einer Zeit des Rauchens", sagt die dunkelhaarige Friseurin zu ihrer Tresenbekanntschaft mit der orangefarbenen Warnweste und verströmt in ihrem zerschlissenen Sommermantel trotz aller Eckkneipenarmseligkeit sofort eine verwegene Aura. Fast könnte man von einer erotischen Erfahrung sprechen. Nicht einmal wirklich angedeutet wird sie, und doch liest man die Szene einer wohl aus Armut und kultivierter Nachlässigkeit lange nicht mehr erfolgten Frisurlegung im Zwielicht der Morgendämmerung nicht ohne Schaudern. "Sie stellte sich vor, wie sie draußen vorm Laden stand und zwei Damen sah, ganz allein im Friseursalon, die eine trug einen Blaumann, der kaum zu erkennen war unter dem weißen Tuch, auf das die Haare fielen, die andere stand hinter ihr, beugte sich über sie, das silberne Glänzen der Schere ..."

Zartheit und Härte: Kein deutscher Autor tanzt diesen Tango derzeit so geschmeidig wie Clemens Meyer. Aber nicht nur diese Facette seines Schreibens lässt den (vom Autor selbst in die Welt gesetzten) Vergleich mit Hemingway immer unpassender wirken. Auch der Einsatz von Traum- und Fantasiesequenzen oder allgemein von retardierenden Erzähltechniken deutet in eine ganz andere Richtung. Die Erzählung Die letzte Fahrt der Strandbahn zeigt die Geschichtstiefe von Meyers Erzählungen. Ein alter Mann ergeht sich auf einer Bank an der Mole eines Ostseebads in Erinnerungen, die von Erfindungen nicht immer klar zu unterscheiden sind. Ein junger Mann hört zu. Eine Strandbahn, die der alte Mann als junger Mann gelenkt haben will, soll hier im Krieg vorbeigefahren sein. Mit an Bord ein Mädchen, Irma, die mit einem der Flüchtlingstrecks aus dem Osten gekommen war. Bis es eines Tages zu einer tragischen Entgleisung kommt.

Die Nacht in Meyers oft dunklen Geschichten ist stets von seltsamen Funken durchsetzt. Glühwürmchen, Leuchttürme, Flammen in den Schornsteinen der Leunawerke, Taschenlampenkegel von traumwandlerischen Wachmännern erhellen das düstere Ambiente. Und was im Schein der Lichtquellen sichtbar wird, ist meistens Ausdruck tief menschlicher Bedürftigkeit. Egal ob es um einen ehemaligen Pferdejockey geht, der von schwitzenden Rennpferden auf dem gefrorenen See von Sankt Moritz träumt, oder ob sich ein deutscher Hochhausbewohner in seine Nachbarin, eine islamische Konvertitin, verliebt. Die große Menschenbeschreibungskunst von Clemens Meyer vollzieht sich dabei nach dem Matroschkaprinzip: eine Erzählung in der Erzählung in der Erzählung. Vom deutschen Dschihad bis hin zum preußischen Flüchtlingsdrama wird so vieles kunstvoll verflochten miterzählt, dass der Rahmen einer geschlossenen Erzählung gesprengt wird. Es sind in die Gegenwart erzählte Geschichtsbilder, die diesen Band zu einem künstlerischen Ereignis machen.

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017; 270 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €