Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Die Tochter erregt sich über einen Berliner Omnibus, weil er zur Beute wurde. "Zur Beute, zum Vehikel einer Marke, zum Werbeträger ganz und gar, ich hab ihn nicht erkannt, dachte, da käme ein Reisebus, so bunt von Kopf bis Fuß. Früher gab es da einen Werbestreifen um den Bauch, heute ist der Doppelstockbus ganzflächig okkupiert, sogar die Fenster."

"Wie diese Zeitung, die sie mir trotz meiner Antiwerbeaufkleber in den Briefkasten stopfen, weil das Titelblatt noch immer seriös ist, allerdings schräg mit Werbung überdruckt. Da hat sich eine angesehene Tageszeitung ganz ungeniert prostituiert. Da sind alle Masken gefallen, die Marktschreier triumphieren."

"Und dieser NRW-Wahlgewinner verkündet im Fernsehen, nun würden endlich wieder die Kräfte des Marktes entfesselt …" – "Hat er 'entfesselt' gesagt?" – "Ja! Das ist doch von vorvorgestern, was die als Fortschritt ausgeben. Gibt es denn keine besseren menschlichen Kräfte als den Drang, die anderen übers Ohr zu hauen und möglichst viel Geld zu machen? Ich dachte, das ist eine christliche Partei …" – "… die gelernt hat, dass wir ohne Teufels Hilfe nun mal nicht auskommen. Wie dieser Doktor Faustus: Erst hat er sich den Todestrunk gemixt, lässt sich aber von den Osterglocken zu Tränen rühren und zurück ins Leben rufen. Um sich alsbald von einem schwarzen Tier verführen zu lassen. Um seine Lüste und Begierden zu entfesseln. Ein Mann des Fortschritts, der über Leichen gehen darf, solang er sich an die Gesetze hält. Der Teufelspakt ist eine Tragödie, die unter heutigen Managern eher ein Gefühl von Größe und Relevanz evoziert als etwa den Wunsch nach Buße und Rückzug ins Kloster. Es gab sogar unter den IM der Stasi welche, die sich faustisch fühlten, die sich mit dem Teufelspakt im Dienst der guten Sache wähnten."

"Wo sind wir hingeraten, Vater? Mal wieder zu deinem Lieblingsthema, der ollen DDR." – "Nur am Rande. Interessanter ist doch dies faustische Prinzip: das Zufriedenheitsverbot. Ein Prinzip, das es wohl nur in der westlichen Kultur und in keiner der großen Religionen gibt. Und das nun wirklich des Teufels ist, fatal sowohl für unser Innenleben als auch für die Außen- oder Umwelt." – "Du meinst: 'Verweile doch, du bist so schön …'" – "'Werd ich zum Augenblicke sagen:/ Verweile doch! Du bist so schön!/ Dann magst du mich in Fesseln schlagen,/ Dann will ich gern zugrunde gehn!' An dieser Hybris, an der Entfesselung dieser ewigen Unzufriedenheit können wir tatsächlich alle zugrunde gehen."