Schade, dass Helmut Schmidt diese Ausstellung nicht mehr erlebt. Ernst Eitner hat er sehr geliebt. Eines der schönsten Bilder der Schau kommt aus der privaten Sammlung des Altkanzlers, einst gekauft in der Hamburger Galerie von Rainer Herold, der in den vergangenen Jahren so viel für Eitners Werk getan hat.

Deutscher Impressionismus, immer ein bisschen heikel und, jenseits der großen Drei – Corinth, Slevogt und Liebermann –, immer ein bisschen unter Epigonalitätsverdacht. Doch das Altonaer Museum zeigt sich selbstbewusst. Monet des Nordens nennt es seine große Eitner-Retrospektive im Jenisch Haus an der Elbe. Völlig zu Recht: Denn Eitner sind in seinen produktivsten Jahrzehnten zwischen 1890 und 1910 etliche Bilder gelungen, die den Pariser Impuls schwungvoll aufnehmen und in eigenständige Kunst verwandeln. Während allerdings mancher süddeutsche Generationsgenosse (wie Leo Putz) nationalen bis internationalen Ruhm genießt, blieb der Impressionismus von Hamburger Künstlern wie Thomas Herbst, Julius von Ehren, Paul Kayser oder eben Ernst Eitner über der Elbe Auen hinaus wenig bekannt und völlig unterbewertet.

Was natürlich auch an Hamburg liegt, wo Eitner 1867 als Sohn eines schlesischen Tischlers geboren wurde. "Der Künstler hat es in Hamburg schwerer als irgendwo", hat schon Alfred Lichtwark geseufzt, der legendäre Direktor der Hamburger Kunsthalle zur Kaiserzeit, der sich zugleich als Kunsterzieher verstand und vor allem als energischer Förderer der hamburgischen Kunstproduktion. Lichtwark ist es denn auch, der den scheuen, gern in Selbstzweifeln versunkenen jungen Mann befeuert.

Nach dem mühsam zusammengebettelten und -gejobbten Studium in Karlsruhe (bei Gustav Schönleber) und Düsseldorf, nach ersten Pleinair-Exerzitien in diversen Künstlerdörfern zwischen Nord- und Ostsee zieht es Eitner nach Westen. Während eines Semesters an der Akademie von Antwerpen, wo er mit Paul Baum zusammentrifft, und schließlich auf einer Reise nach Paris 1893 erlebt er den Triumph der neuen Kunst: Monet, Degas, Renoir, Pissarro ...

Türen auf, Fenster auf, Licht und Luft herein und vor allem: Farben! Schwer noch nachzuvollziehen in unseren Tagen – aber man kann sich die impressionistische Revolution gar nicht dramatisch befreiend genug vorstellen. Keine knatternden Historienschinken mehr, keine speckig geölten Waldeinsamkeiten und schlecht gelüfteten Saloninterieurs. Vorbei auch die naturalistische Fleißarbeit. Jetzt lässt man das Licht frei sprechen, fließen, wird die Farbe neu erfunden. Blaue Schatten und grüne Himmel, lila Abendnebel, und durch die Parks und Gärten schweben die Frauen in Sommerkleidern, die in schneeweißem Violett erblühen.

Eitners Formate werden größer. Mit dem provokant kargen, zugleich traumumsponnenen Schilffeld an der Trave hat er 1894 in Paris Erfolg, im Salon des Indépendants. Eine Hamburger Kunsthandlung zeigt Interesse an seinen Aquarellen, in Dresden, in Münchens Glaspalast ist er mit einzelnen Bildern dabei, die Kieler Kunsthalle stellt ihn aus.

Aber die Existenz in Hamburg bleibt prekär. Die gerade gegründete Familie lebt von Eitners Gehalt als Lehrer einer privaten Kunstschule. Dann, 1897, neue Hoffnung: Unter Lichtwarks inspirierendem Patronat gründet er mit dem eine Generation älteren Thomas Herbst und sechs weiteren Impressionisten den Hamburgischen Künstlerclub. Er ist eine der vielen Sezessionen, wie sie damals an etlichen Orten entstehen, ein Jahr später, unter Liebermanns Führung, auch in Berlin.

Hier wagt die Kunsthandlung Fritz Gurlitt schon im Gründungsjahr eine erste Schau mit Bildern aus dem Club. Herbsts Lebensfreund Liebermann ahnt, dass sie kein großer Erfolg wird. "Gute Bilder malen, det können Se wohl", bemerkt er zu Eitner, "aber Se können lange nich verkofen." Tatsächlich wird die Premiere ein Skandal. Die Berliner Presse ereifert sich über "toll gewordenen Dilettantismus". In Hamburg klingt’s ähnlich: alles "Schmieralien", "Spinat mit Ei". Auch in Kiel bricht sich Empörung Bahn: "Farbenwillkür", "geschmacklos".