Es ist Samstag, der 20. Mai, 18.15 Uhr. Die Maschine des Flugs LH 2078 aus München setzt gerade auf einer Landebahn des Hamburger Flughafens auf, da verkündet der Pilot über die Lautsprecher: "Wir haben es geschafft! Der HSV hat 2 : 1 gegen Wolfsburg gewonnen."

Noch bevor man sich entscheiden kann, ob nun eher Freude oder Scham angebracht sei, wird der Rest der Ansage von Jubel übertönt. Hoffentlich, mahnt die innere Stimme, ist die Begeisterung über den 15. Tabellenplatz nicht wieder der Anfang vom nächsten Ende, schließlich drohte dem Verein doch nun schon zum dritten Mal in vier Jahren der Abstieg.

Was verbindet all die begeisterten Passagiere überhaupt mit dem Verein, den sie gerade beklatschen? In diesem Moment ist es jedenfalls ihr HSV, der sich wieder einmal mit knapper Not vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit gerettet hat. Und auf einmal ist der Fußball, dieses Millionengeschäft, etwas ganz Persönliches. Ist nicht die eigentlich unverdiente Zuneigung der schönste Liebesbeweis?

Am selben Samstagnachmittag streckt Philipp Lahm, der scheidende Kapitän des FC Bayern München, die Meisterschale gen Himmel. Die Bayern haben den Titel nun zum fünften Mal in Folge gewonnen. Sie sind so viel besser als alle anderen, 15 Punkte beträgt der Abstand zum Zweitplatzierten. Ihren Feiertag konnten sie daher in aller Seelenruhe vorbereiten. Der Verein ließ sogar kleine GoPro-Kameras an jenen Weißbiergläsern anbringen, aus denen die Spieler nach der Übergabe der Schale das Weißbier auf die Köpfe der Betreuer gießen. Diese Bierduschen gehören zur Feiertradition wie die Millennium-Blend-Zigarren zu Uli Hoeneß. Diesmal sollten sich die Fans mithilfe der Kameras ihren Stars besonders nahe fühlen, sie konnten sozusagen die Perspektive des fließenden Biers einnehmen.

Doch richtige Begeisterung wollte weder unter den Spielern noch unter den Fans aufkommen. Denn es gibt einen Unterschied zwischen echten Glücksgefühlen und kalkulierter Emotion.

Das Hochgefühl bricht aus einem heraus. Es erzeugt einen nur schwer zu beschreibenden Moment, so wie ihn die Fluggäste nach der Landung in Hamburg erlebten – was von außen betrachtet durchaus lächerlich wirken kann.

In Hamburg etwa erfassten die Spieler diese Gefühle in ziemlich auffälliger Weise. Sie ließen sich nach dem Sieg in der Kabine verschwitzt und in Unterhose ablichten, übervoll des Glücks, obwohl sie bei Lichte besehen die Bundesligasaison nicht gerade erfolgreich beendet hatten. Und doch kann jeder diese Mannschaft verstehen. Mag ihr Lebensalltag auch von dem der meisten Zuschauer meilenweit entfernt sein, wer diese Bilder sieht, fühlt sich den Spielern nahe.

Ist nicht die eigentlich unverdiente Zuneigung der schönste Liebesbeweis?

München hingegen war anders. Freude, das schon, aber vor allem darüber, das genießen zu können, was einem als Bayern-Spieler oder Bayern-Fan wie selbstverständlich zusteht: Wir sind froh, weil wir etwas erreicht haben. Das war vorherzusehen, selbst die Emotion wurde planmäßig in Szene gesetzt. Den Ton gab der Auftritt der Sängerin Anastacia in der Halbzeitpause vor. Deren Performance dauerte länger als die reguläre 15-minütige Unterbrechung, was nicht nur die gegnerische Mannschaft aus Freiburg verärgerte. Der bayerische Verteidiger Mats Hummels fasste die Stimmung so zusammen: "Es wird schon immer mehr Show außen rum und jetzt auch noch mittendrin. Ich finde es nicht ganz so berauschend, aber es scheint dazuzugehören."

Vielleicht hätte der FC Bayern lieber die Fans spontan zu einem Grillfest mit den Spielern einladen sollen, mitten auf dem Rasen? Aber der Dauererfolg steht solchen Ideen wohl im Wege. Jedenfalls war es am vergangenen Samstag nicht so, dass die da oben an der Tabellenspitze im reinen Glück schwammen und für den Pöbel da unten nur die Scham blieb. Gefühle halten sich eben nicht an solche Gesetze. So löste zum Beispiel in diesem DFB-Pokal-Jahr der Einzug der Drittligamannschaft Sportfreunde Lotte ins Viertelfinale die größte Freude aus. Zur Wiederaufstiegsparty des VfB Stuttgart strömten am vergangenen Sonntag mehr Menschen als zu manchem Erstligaspiel der Mannschaft in der Vergangenheit.

Das also ist die Botschaft dieser Saison: Solange wir uns über die kleinen großen Siege im Sport freuen können, wird die Kommerzialisierung den Fußball nicht vollends von den Zuschauern entfernen.