Heinrich Heine in Paris plagen Skrupel. Wieder einmal hat er sich in giftigem Witz über den Dichterkollegen Georg Herwegh lustig gemacht. Simplizissimus heißt das Gedicht, mit dem er 1854 den Ausflug Herweghs in den bewaffneten Kampf sechs Jahre zuvor ätzend karikiert. In seinem neuen Buch soll es erscheinen, das Manuskript liegt schon bei Verleger Campe in Hamburg. Doch dann schreibt er an Campe und schreibt gleich noch ein zweites und ein drittes und ein viertes Mal. Campe möge doch bitte auf keinen Fall, auf gar keinen Fall diese höhnische Satire in den neuen Band aufnehmen. Tatsächlich wird sie durch eine sanftere Spötterei ersetzt und erscheint erst Jahre nach Heines Tod 1856.

Sosehr Herweghs Person Heines Witz immer wieder reizt, er schätzt die Sprachmacht des zwanzig Jahre Jüngeren, der "eisernen Lerche", wie er ihn nennt, und Herwegh seinerseits schätzt Heine, ist früh in dessen Schule gegangen. Die beiden begegneten einander in Paris, gehören zum großen Exil der deutschen Dichter und Denker. Beide sind Teil der demokratischen Internationale, die von Russland bis Sizilien für ein freies Europa streitet. Und beide wittern sie im erblühenden Nationalismus neuen Wahn und hoffen, der eine skeptisch, der andere unverbrüchlich, auf die soziale Republik.

Doch was sie verbindet, trennt sie auch. Heine sieht ohne Illusionen auf die Zeitläufte, auf ein wankelmütiges Deutschland, nach wie vor zersplittert in zig Fürsten- und Fürstchentümer, dessen Liberale und Demokraten 1848/49 die große Chance verspielt haben. Für ihn ist Herwegh ein selbstverliebter Enthusiast, ein politischer Träumer, der die deutschen Verhältnisse verkennt. Jetzt aber zögert Heine mit seinem notorischen Spott. Denn auf keinen Fall will er sich gemein machen mit der konservativen Meute, die Herwegh hetzt.

Georg Herwegh ist in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts längst ein Verfemter. Auf seinen Kopf steht eine hohe Belohnung. Der deutschen Obrigkeit gilt er als Verräter und Terrorist, der den Tod verdient. Für andere ist er schlicht ein Demagoge und Volksverführer. Für wieder andere nur ein fragwürdiger Charakter, ein Pathos schwitzender Dichterdarsteller und Narziss. Nur wenige deutsche Autoren, darin wieder Heine gleich, sind bis in unsere Tage so geschmäht worden wie Georg Herwegh.

Dabei hatte ihn einst ganz Deutschland gefeiert. Ein Popstar. Gedichte eines Lebendigen, das 1841 erschienene Debüt des 24-Jährigen, maßlos und suggestiv, voller Widersprüche und doch von einer einzigen mächtigen Woge der Empörung getragen, wird zum poetisch-politischen Manifest seiner Generation. Vier, fünf Auflagen binnen Wochen, trotz Verbot. Etliche Zeilen daraus, von Schillerscher Wucht, werden zu geflügelten Worten. "Reißt die Kreuze aus der Erden! / Alle sollen Schwerter werden ..." Verse, welche die gärende Aufruhrstimmung fassen, die sich unter der Bleidecke der biedermeierlichen Alternativlosigkeit gesammelt hat. Georg Herwegh, am letzten Maientag 1817 in Stuttgart geboren, Absolvent des Tübinger Stifts und nach Konflikten mit dem Militär in die Schweiz ausgewichen, findet die großen Worte für die kleinmütige Zeit: "Freiheit, o du Felsenwort! / Vive la république!"

Er reist durch Deutschland, bejubelt. Selbst Preußens neuer König Friedrich Wilhelm IV., ebenso sentimental wie falsch, empfängt ihn in Berlin. Eine Farce. Kaum ist die Audienz beendet, gibt es neue Verbote. Der preußische Unrechtsstaat zeigt sein wahres Gesicht. Erbost schreibt Herwegh an den König, sendet den Brief aber nicht ab. Dennoch werden die Zeilen publik, Herwegh muss Preußen sofort verlassen. Er, der zornige Apoll, steht plötzlich als naiver Untertan da: Herwegh, "das große Kind aus Schwaben", wie Heine lacht.

Und doch hat er in Berlin sein Glück gemacht: Die gleichaltrige Emma Siegmund, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns, nimmt ihn zum Mann. Eine Intellektuelle, eine der freiesten, klügsten Frauen der Zeit, geistige Nachfahrin der Rahel Varnhagen und Henriette Herz. Ihr Mut, ihr Geschick, ihre Liebe zu ihm, ja, auch ihr Geld sollten den Verfolgten ein Leben lang schützen, manchmal vor sich selbst.

Das Exil wird beider Heimat, zunächst der Kanton Baselland, bald Paris, zuletzt Zürich. So widersprüchlich die Gedichte eines Lebendigen noch sind, schwankend zwischen nationalem Krampf und kosmopolitischer Souveränität – rasch hat sich Herweghs Blick geschärft, seine Kritik sich radikalisiert. Der Vaterlandskult der Arndt und Jahn ist, nicht ohne Respekt, abgetan, selbst Johann Georg August Wirth, einer der Helden des Hambacher Fests 1832, erscheint ihm als "ein Deutschthümler von der abgeschmacktesten Sorte".

Nur etwas bleibt konstant in seinem Leben, von der bizarren Audienz bei Friedrich Wilhelm IV. bis hin zum Kampf gegen die Bismarcksche Gewaltpolitik 1864 ff.: die Enttäuschung über Preußen. Es ist die für ihn durchaus schmerzhafte Erkenntnis, dass Preußens Intoleranz und "militärisches Idiotentum" Deutschland zerstören.