Kommt ein Mann zum Arzt. Und sagt: "Immer wenn ich mich anstrenge, gerate ich außer Atem, und die Beine sind geschwollen. Hab ich was am Herzen?" Der Arzt untersucht ihn und sagt: "Sie haben eine Herzschwäche. Ich habe hier ein Medikament für Sie, der Wirkstoff heißt Digoxin, nehmen Sie es regelmäßig, dann wird es Ihnen besser gehen."

Kommt eine Frau zum Arzt. Und sagt: "Immer wenn ich mich anstrenge, gerate ich außer Atem, und die Beine sind geschwollen. Hab ich was am Herzen?" Der Arzt untersucht sie und sagt: "Sie haben eine Herzschwäche. Ich habe hier ein Medikament für Sie, der Wirkstoff heißt Digoxin, nehmen Sie es regelmäßig, dann wird es Ihnen besser gehen."

Zwei Patienten, bei denen alles identisch ist, der einzige Unterschied: ihr Geschlecht. Ein Jahr später gibt es noch einen weiteren Unterschied: Dem Mann geht es deutlich besser. Er kann doppelt so weit laufen wie zuvor, ohne in Atemnot zu geraten. Seine Beine sind schlank und drahtig wie die eines jungen Mannes. Die Frau hingegen ist gestorben.

Das müsse ein Zufall sein: zwei Personen, zwei individuelle Verläufe, einer glücklich, einer misslich, so urteilten die Ärzte über derartige Fälle lange Zeit. Bis Forscher eine interessante Entdeckung machten. Amerikanische Kardiologen hatten in einer Studie das Wohlbefinden von 6800 Herzpatienten über einen längeren Zeitraum verfolgt. Zunächst legten sie 1997 im Fachmagazin New England Journal of Medicine eindrucksvoll dar, wie der Wirkstoff Digoxin das Herz der Patienten stärke. Doch später mussten sie ihr Urteil revidieren, in einem bedeutsamen Detail: 2002 erschien im selben Magazin eine neue Analyse derselben 6800 Patientengeschichten – dieses Mal aber unter Berücksichtigung des Geschlechts. Das Ergebnis: Bei den Männern führte die Einnahme von Digoxin dazu, dass die Zahl der Krankenhausaufenthalte deutlich sank, das Mittel half ihnen. Frauen aber, die das identische Mittel bekamen, starben früher als andere erkrankte Frauen, die kein Medikament einnahmen.

Dasselbe Herzmedikament bringt Frauen also in Lebensgefahr und verhilft Männern zu größerer Lebensqualität. Jahrelang war das keinem aufgefallen, denn niemand war auf die Idee gekommen, auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu achten.

Das Beispiel Digoxin mag ein Extrem sein – und doch häufen sich die Befunde dieser Art. Allmählich wird klar: Vom Immunsystem bis zum Magensäuregehalt – Männer und Frauen unterscheiden sich in weit mehr als nur ihren Geschlechtsorganen und ein paar Hormonen. Die Unterschiede sind nicht unerheblich und begünstigen einmal die Männer und ein anderes Mal die Frauen.

Gesellschaftlich betrachtet, ist eine solche Erkenntnis geradezu anachronistisch. Wir leben in einer Zeit der Gleichstellung, die in jahrhundertelangem Kampf errungen worden ist. Und doch wächst in der Medizin gerade jetzt das Bewusstsein für die Geschlechtsunterschiede – und die Einsicht, dass sie mitunter über Tod oder Leben entscheiden. Daran, dass diese Unterschiede bisher kaum berücksichtigt wurden, krankt die gesamte medizinische Versorgung, von der Hausarztpraxis bis zur Universitätsklinik. Ein unbemerktes Problem, man könnte auch von einem geräuschlosen Skandal sprechen.

Die Unterschiede zwischen Mann und Frau können in der Medizin über Leben oder Tod entscheiden

Aristoteles ordnete einst die Frau dem Mann unter. Für ihn gab es genau genommen gar keine zwei Geschlechter, sondern bloß Gradabstufungen: den vollkommenen Mann und die unvollkommen gebliebene Frau. Heute, 2.500 Jahre später, ist der Mann in der Medizin noch immer dominant. 51 Prozent der Bevölkerung sind weiblich, aber der Mann stellt medizinisch bis heute die Norm dar, die Frau die Abweichung. Das beginnt bei den Versuchstieren für die Studien – sie sind meist männlich – und setzt sich fort in den klinischen Tests, mit denen neue Medikamente erprobt werden: Die Probanden sind fast immer Männer (siehe Seite 10). Erst jetzt beginnen Forscher zu begreifen, wie komplex und weitreichend die biologischen Mechanismen sind, die letztlich jede einzelne Körperzelle prägen. Genau dort beginnen nämlich die Unterschiede: in der Körperzelle.

Ein Paar im Wohnzimmer. SIE sitzt auf dem Sofa und streicht über ihren Bauch. ER: Und wenn es drei ist, dann kommt es in den Tennisclub. SIE: Jetzt mal langsam, es ist noch gar nicht auf der Welt. Und wir wissen nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. ER: Was hat das denn damit zu tun? Ich dachte, wir leben in einer modernen Gesellschaft? Tennis kann jeder spielen. SIE: Ja, aber vielleicht ist es eine Sie, und diese Sie will lieber Fußball spielen. ER: Oder Ballett tanzen. SIE: Aber dann wenigstens nicht in rosa Leggins.