Wahrscheinlich kannte jeder so einen armen Wicht: den sich quälenden Mitschüler, der einfach nicht mit den anderen mithalten konnte. Dem alles schwerfiel, immer, außer Sport. Der Konstantin hieß oder Tilman und in seiner Familie der Erste ohne Abitur gewesen wäre, ein Bruch mit der Tradition, undenkbar! Deshalb wurde Konstantin-Tilman von seinen Eltern statt auf die erlösende Realschule von Nachhilfestunde zu Nachhilfestunde gejagt, und mit viel Zittern und Angst reichte es am Ende des Jahres doch irgendwie, um auf dem Gymnasium zu bleiben.

Dann ging die Angst von Neuem los. Immer erfüllte sich die Hoffnung – aber nie trat Erlösung ein. Man mag so etwas kaum mit ansehen. Man nennt es auch Vergeblichkeit. Oder Quälerei.

Als Hamburger müssen wir es aber mit ansehen. Jahr um Jahr. Auch jetzt wieder: ein kurzer Moment des Glücks – bezahlt mit Monaten der Vergeblichkeit.

Der HSV, der arme Wicht der Ersten Liga, kann einfach nicht richtig mithalten, obwohl er, wie Konstantin-Tilman, die besten Voraussetzungen hat. Er ist einer der Letzten seiner Klasse, alles fällt ihm schwer. Sogar der Sport. Aber er darf nicht absteigen, um keinen Preis. Es wäre der erste Abstieg der Vereinsgeschichte.

Auch am Samstag ist es den Hamburgern wieder irgendwie gelungen: 2 : 1 gegen Wolfsburg, schlechter als der Gegner gespielt, kaum Chancen gehabt, aber zwei Minuten vor Schluss den entscheidenden Treffer erzielt. Wieder geschafft. Niemals Zweite Liga.

Die Spieler jubelten. Die Fans feierten. Alle hoffen jetzt wieder. Aber worauf eigentlich? Dass es in der nächsten Saison besser wird? Ernsthaft? Wenn Mannschaften wie Stuttgart und Hannover aufrücken? Wenn kein Paderborn oder Darmstadt oder Ingolstadt mehr da ist, um noch schlechter zu sein? Wenn der HSV wieder einen Umbruch vor sich hat? Sich wieder eine neue Mannschaft finden und einspielen muss?

Natürlich: Sport ist ein Geschäft mit der Hoffnung, heißt es.

Menschen können nicht ohne Hoffnung leben, heißt es auch.

Aber wenn Hoffnung ständig enttäuscht wird, dann wird sie zur Selbstlüge und der Hoffende zum hoffnungslosen Fall.

Muss der HSV da wirklich noch ein Jahr lang durch? Muss man ihm wirklich gratulieren, dass er den Abstieg schon wieder abgewendet hat, in vorletzter Minute, mit Zittern und Bangen?

Natürlich muss man gratulieren, so viel Höflichkeit gehört sich. Glückwunsch also. Es sei jedem HSV-Fan von Herzen gegönnt, frenetisch ausrastend nach dem Spiel auf den Rasen zu laufen, als habe der Verein soeben die Deutsche Meisterschaft eingesackt und nicht unter Schmerzen einen 14. Tabellenplatz. Es sei auch jedem Fan unbenommen zu glauben, dass nun alles besser wird. Diesmal aber wirklich! Siebter oder achter Tabellenplatz! Europa League, wir kommen! Kann man sich einreden, klar.

Es sei dem großen, von den ständigen Problemen, Schulden und Gegentoren vereinnahmten Rest der Stadt aber gestattet, nicht in den Jubel einzustimmen. Ihn nicht rührend zu finden, sondern übertrieben.

Es hat sich etwas verändert im Verhältnis der Stadt zum Verein. Lange war es ja so: Wenn der HSV litt, litt ganz Hamburg. Wer ein Herz hatte und keine St.-Pauli-Dauerkarte, dem machte es keine Freude, den verzweifelten Fans und gedemütigten Spielern zuzusehen. Es tat nur noch weh – und doch machte sich die Stadt mit dem Verein gemein, knüpfte ihr Selbstbild an seines, wie beim Stockholm-Syndrom, bei dem sich das Opfer mit seinem Geiselnehmer solidarisiert.