Ein Sonntagvormittag Anfang April in London: Irmin Schmidt sitzt müde im Konferenzraum eines Hotels. Am Vorabend ist er im ausverkauften Londoner Barbican bei "The Can Project" aufgetreten, einer Hommage an die 1968 in Köln gegründete Krautrock-Band. Von deren Ursprungsbesetzung waren nur der Keyboarder Schmidt, der Ende Mai achtzig wird, und der Sänger Malcolm Mooney dabei. Bassist Holger Czukay ist gesundheitlich angeschlagen, Gitarrist Michael Karoli starb schon 2001, Schlagzeuger Jaki Liebezeit überraschend im Januar.

DIE ZEIT: Herr Schmidt, weltweit werden Can als Pioniere der modernen Rockmusik verehrt. Musiker von David Bowie über Brian Eno, die Stones bis hin zu Kanye West haben sich auf Ihre Band berufen. Nur in Deutschland war das Interesse immer gedämpft. Was ist das Problem?

Irmin Schmidt: Das weiß ich auch nicht, aber es war so. Mein Freund Wim Wenders rief mich mal aus Tokio an und sagte: "Ich stehe hier in einem Plattenladen, und die haben fast alle Can-Platten." Er war begeistert und konnte es gar nicht glauben, denn in Deutschland fand man die damals nicht in den Plattenläden. Als ich mal in Japan auf Promotion-Tour war, erkannten mich tatsächlich Japaner und riefen aufgeregt: "Oh! Oh! Oh! Irm, Irm, Irm!"

ZEIT: Was ist eigentlich deutsch an Can?

Schmidt: Ich glaube, dass diese Musik, so wie sie ist, nur von Leuten erfunden werden konnte, die unsere Erfahrungen gemacht haben. Unsere Geschichte war geprägt von Eltern, die manchmal Nazis und eigentlich alle sehr bürgerlich waren. Wir hatten die späten Kriegsjahre und die Nachkriegsjahre, dieses zerstörte und in Trümmern liegende Land erlebt, und auch eine zertrümmerte Kultur und Gesellschaft. Das verband uns. Dass diese Gruppe in Köln gegründet wurde, war Zufall. Es hätten auch Stuttgart oder Berlin sein können. Aber in dieser Form konnte sie nur in Deutschland entstehen. Was wir machten, war allerdings so formuliert, dass es eben auch in Tokio, London, Paris oder New York verständlich war.

ZEIT: In London hat gerade eine Allstar-Band um den großen Can-Verehrer und ehemaligen Sonic-Youth-Sänger Thurston Moore voller Hingabe Ihre Musik gespielt. Wie kam es dazu?

Schmidt: Vor ein paar Jahren hörte ich Sonic Youth bei einem Festival ein Stück von John Cage spielen. Ich ging hinter die Bühne, um Guten Tag zu sagen, und später lud mich Thurston ein, mit ihm ein Konzert im Pariser Louvre zu geben. Wir improvisierten zu zweit vor einer Leinwand. Wir kommen beide aus Gruppen, bei denen viel spontan auf der Bühne entstand. Wobei "improvisieren" ein schwieriges Wort ist. Das klingt so nach "jammen", und das machen wir natürlich nicht.

ZEIT: Was wäre denn ein angemessener Begriff?

Schmidt: Jaki, unser Schlagzeuger, sprach immer vom "Instant Composing". Stockhausen nannte es mal "Intuitive Musik". Es geht darum, auf der Bühne Musik zu erfinden, also hoch konzentriert auf das zu reagieren, was um einen herum geschieht. Danach kam jedenfalls die Idee auf, dass Thurston die Gruppe für das Can-Projekt kuratieren sollte. Er stellte eine Band zusammen, zu der auch unser alter Sänger Malcolm Mooney gehörte. Das funktionierte so gut an dem Abend. Mir kamen die Tränen.

ZEIT: Jaki Liebezeit wurde von gleich zwei Schlagzeugern ersetzt. Sein Tod kam überraschend, oder?

Schmidt: Ja, wir hatten gerade noch telefoniert. Wir sprachen über den Gig im Barbican, haben uns verabredet für dieses Abenteuer. Zehn Tage später war er weg. Er hatte sich ins Bett gelegt, war plötzlich krank. Aber Jaki akzeptierte die Signale seines Körpers und starb. Das nehme ich mit Demut hin, aber kann mich dem trotzdem schlecht fügen.

ZEIT: Sie haben 1967 eine vielversprechende Karriere als Dirigent hingeworfen, um stattdessen mit Can loszulegen. Haben Sie das jemals bereut?

Schmidt: Nein, so vieles hatte zu der Entscheidung geführt: Ich las Artaud, traf John Cage, Steve Reich und La Monte Young in New York und erlebte die Fluxus-Szene in Deutschland. Ich habe zunächst keine Rockgruppe gegründet, ich versuchte nur ein paar Leute aus unvereinbaren Musikrichtungen zusammenzubringen: einen Jazzschlagzeuger, einen jungen Gitarristen, jemanden, der in der Elektronik zu Hause war, und einen, der aus der Klassik kam, mich. Rock war nicht das Ziel. Alles wurde gemeinschaftlich entwickelt von Jaki, Holger, Michael und mir. Später kam noch Malcolm Mooney dazu. Malcolm hatte nie gesungen, war ein Maler aus Paris. Eigentlich wollte ich ihn in der Kölner Galerieszene bekannt machen, stattdessen schleppte ich ihn mit ins Studio, wo er spontan anfing zu singen. Diese Spontanität lag damals in der Luft. Diese Kraft, aus dem Nichts irgendwelchen Irrsinn zu machen.

ZEIT: Bei Can gab es keine Hierarchien. Wie schwierig war Gleichberechtigung in der Praxis?

Schmidt: Sehr, wir waren fünf Alphatiere. Ich sowieso, denn als Dirigent musst du dich hinstellen, und noch bevor du den Arm hebst, muss das Orchester dir vertrauen. Jeder von Can hatte diese Ausstrahlung. Das führte natürlich zu Reibungen, aber diese Reibungen führten auch zur Musik.

ZEIT: Holger Czukay und Sie waren Schüler des modernen Komponisten Karlheinz Stockhausen. Was haben Sie von dem gelernt?

Schmidt: Eine bestimme Art, Musik zu denken. Elektronik und Collagen zu editieren, Schnipsel zu kleben. Stockhausen war sehr wichtig für meine musikalische Lehrzeit. Allerdings war er zu Beginn der Sechziger mit seiner Musik eher antispontan. Das war ja Konstruktivismus bis an den Rand des Wahnsinns! So streng wie in manchen seiner Werke war er persönlich nicht. Als Studenten haben wir bei Stockhausen zu Hause oft toll gefeiert, so richtige Partys.

ZEIT: Can waren von Beginn an sehr selbstbewusst. Stimmt es, dass Sie es mal ablehnten, im Vorprogramm von Pink Floyd zu spielen, weil Sie dafür Ihr Programm hätten kürzen müssen?

Schmidt: Ja, es lag aber auch daran, dass wir ab einem gewissen Punkt diese Hierarchien nicht mehr mitgemacht haben. "Vorgruppe"? Was ist das? Wir haben nur zwei Mal als Vorgruppe gespielt. 1969 bei Black Sabbath. Meine Erinnerung daran ist allerdings eingeschränkt, weil mir an dem Tag ein Zahn gezogen worden war. Ich war voll mit Schmerzmitteln und erinnere das Konzert mit Black Sabbath als großes Meeresrauschen.

ZEIT: Hätten Can ohne Drogen anders geklungen?

Schmidt: Nein, das, was wir gemacht haben, hatte mit Drogen nichts zu tun. Wir haben Haschisch geraucht im Studio und manchmal auch auf der Bühne, aber die Musik war davon nicht abhängig. Andere Drogen waren verpönt. Wenn man verkokst auf die Bühne geht, geht man auf einen Solo-Trip. Und nichts war verpönter bei Can.

ZEIT: Jaki Liebezeit sagte, dass es mit der Band zu Ende ging, als moderne Technik das gemeinsame Musizieren überflüssig machte.

Schmidt: Ja, da steckt eine große Wahrheit drin. Als wir anfingen mit Musik, nahmen wir nur auf zwei Spuren auf. Man musste zuhören, was die anderen spielen, und sich bewusst einbringen. Später war korrigierbar, was du gemacht hattest, es war auf einer eigenen Spur, du konntest es wiederholen oder anders mischen und so weiter. Wir haben zwar weiter so gespielt wie früher, aber da brauchten die anderen gar nicht dabei zu sein. Da ist etwas verloren gegangen, das so nie wieder zusammenkam.

ZEIT: Mögen Sie eigentlich den umstrittenen Begriff Krautrock, der immer wieder mit Ihrer Musik in Verbindung gebracht wird?

Schmidt: Für mich ist das kein Schimpfwort. Für die Engländer sind wir eben Krauts. Das darf man nicht als Beleidigung sehen. Die Franzosen haben zwei Begriffe für die Deutschen: le boche, der ist nicht so schön und stammt aus dem Krieg, und le chleu, der viel schöner ist. Chleu-Rock wäre doch eine wunderbare Bezeichnung für unsere Musik.