Ergriffen stehen sie da, überwältigt, aufgewühlt, als könnten sie es selbst noch nicht fassen, dass sie soeben die Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem erobert haben, für gläubige Juden ihre heiligste Stätte: vier junge Soldaten im Kampfanzug. Izchak Jifat ist der Mann in der Mitte, er hat den Helm abgenommen, sieht auf dem Foto gar nicht mehr wie ein forscher Krieger aus, eher wie ein demütig Betender. Ein Foto, das zur Ikone wurde. Wie kam es zu der Szene an diesem Juni-Morgen vor fünf Jahrzehnten – und was denkt der Held von damals heute über die Folgen des militärischen Triumphs, der Israel geprägt und den gesamten Nahen Osten so nachhaltig verändert hat?

Erster Stock, ein Reihenhaus in einem Vorort von Tel Aviv, eine dieser Wohnungen, die wie ein Provisorium wirken und wo doch alles seinen Platz hat: moderne Plastiken und antike Bücher, Erinnerungsbilder und ein gemütliches Sofa. Die Hausherrin serviert Jaffa-Orangen, Izchak Jifat, inzwischen 72 Jahre alt und ein wenig korpulent geworden, aber immer noch mit den tränenblassen, melancholischen Augen von damals, dreht die Zeit zurück.

"Wir wussten nicht, wie uns geschah", erzählt er. "Wir waren doch Fallschirmjäger, sollten über dem Sinai abspringen, und dann schickte man uns nach Jerusalem." Der jordanische König, Herrscher über den Tempelberg und die Klagemauer, hatte sich dem Kampf der arabischen Staaten angeschlossen und von Ostjerusalem aus Stellungen der israelischen Exklave am Skopusberg beschossen. Ein folgenschwerer Fehler. Generalstabschef Izchak Rabin brachte Verstärkung in Stellung. Bald wurde klar, dass ihnen weit mehr gelingen konnte als nur die Rettung der Exklave. "Es war eine brutale Schlacht von Mann zu Mann. Freunde starben vor meinen Augen, ein Jordanier stürmte mit dem Bajonett auf mich zu, ich erschoss ihn mit meiner letzten Kugel." Jifats Fazit: "Am Schluss war es ein totaler, aber auch ein trauriger Sieg. Wir errichteten an Ort und Stelle eine Gedenkstätte für die gefallenen Freunde, gewürdigt werden dort auch die tapferen Soldaten der anderen Seite."

Später hat er Medizin studiert, wurde ein erfolgreicher Gynäkologe, heiratete. Das berühmte Bild, das der Fotograf David Rubinger an der Klagemauer von ihm und seinen Kameraden schoss, bekam in der Wohnung einen Ehrenplatz. Jifat ist ein glücklicher Mann, neun Enkel, genug Geld und viel Zeit, den Ruhestand zu genießen. Aber ganz lässt die Erinnerung ihn nicht los, das Ehrenmal am Jerusalemer Munitionshügel besuche er regelmäßig, erzählt er. "Für die Heilige Stadt würde ich heute noch kämpfen, und ich lebe sehr gern in Israel. Allerdings müssen wir lernen, mit unseren Gegnern Kompromisse zu finden." Land zurückgeben für Frieden – dieses Konzept hat ihm immer eingeleuchtet.

Der Sechstagekrieg (5. bis 10. Juni 1967): Das waren 131 Stunden im Zeichen des Davidsterns, ein Triumph an allen Fronten, eine Demütigung der Araber, die Eroberung eines Gebiets, dreimal so groß wie das bisherige Land. Eine Nation feierte wie im Rausch, begann, an den Mythos ihrer Unbesiegbarkeit zu glauben, alles schien möglich für dieses gelobte, gedopte Land. Und nur ganz wenige rieten zur Vorsicht, sahen die Gefahr des Größenwahns, das kommende Dilemma. Einer von ihnen war ausgerechnet der damalige Premier. "Wie sollen wir mit so vielen Arabern zusammenleben?", fragte Levi Eschkol. Darauf weiß bis heute keiner eine Antwort, die Palästinenser nicht, von denen sich so viele radikalisiert haben, die waffenstrotzende israelische Armee nicht, die sich trotz zahlreicher anderslautender Berichte rühmt, die "menschlichste" aller Armeen zu sein. Denn auch das ist die Wahrheit: Die Soldaten wollten damals Befreier sein. Sie wurden Besatzer.

Jüdische Siedlung Beit El, Westjordanland. Von wegen Provisorium: Hier, tief im besetzten Gebiet, auf einem Hügel nördlich von Jerusalem und Ramallah, haben radikale jüdische Siedler das geschaffen, was sie "unsere Fakten in Judäa und Samaria" nennen oder "Front gegen den Feind". Gebaut auf Land, das ihnen "durch die Heilige Schrift für alle Ewigkeit" garantiert wird, wie sie sagen. Sie verstehen die Bibel wortwörtlich, sie ist ihnen Grundbuch und Katasteramt.

Ein Dorf aus Fertigbauteilen, als hätte Gott Lego gespielt. Hier gibt es Kindergärten, Gymnasien, eine aus Steinquadern zusammengesetzte Jeschiwa, in der 350 ultrareligiöse Schüler die Thora lernen, "Harvard der jüdischen Erziehung" nennt sich stolz das Institut. Hier existiert eine Möbelfabrik, eine für ihre leckeren Donuts preisgekrönte Bäckerei, und der Gemischtwarenladen nahe dem King David Steak House verkauft neben Allerweltsgütern als einzig ungewöhnliches Produkt Tefillin in allen Variationen, die hier hergestellten ledernen Gebetsriemen. Und natürlich fehlt in dem 6.000-Einwohner-Ort auch nicht der Friedhof für die letzte Ruhe.

Wer heute durch Beit El spaziert, könnte es für eine ganz normale Gemeinde halten. Und für viele Israelis ist sie das auch. Die Palästinenser allerdings, die unter dem Hügel in ihren Dörfern und kleinen Städten leben, betrachten Beit El – der hebräische Name bedeutet "Haus Gottes" – als eine Provokation, als einen permanenten Stachel in ihrem Fleisch. Schließlich entstand die Siedlung auf dem Land arabischer Bauern, das 1977 konfisziert worden war.

Auch nach internationalem Recht gilt dieser Ort als illegal, wie alle, die in den besetzten Territorien nach dem Sechstagekrieg errichtet wurden. Das hat den amerikanischen Rechtsanwalt David Friedman nicht daran gehindert, über die Jahre mehrere Millionen für Beit El zu spenden, auch Donald Trump gab einmal 10.000 Dollar für die Siedler-Sache. Friedman, dessen Vater ein orthodoxer Rabbi war, hat aus seiner Parteilichkeit in Nahostfragen nie ein Hehl gemacht, er befürwortete immer uneingeschränkt den Siedlungsbau, nannte speziell Beit El "einen wichtigen Bestandteil des kollektiven Kampfs für die Sicherheit des Staates Israel". Andersdenkende straft er mit Verachtung. Liberale amerikanische Juden etwa hat Friedman einmal mit "Kapos" verglichen, mit Aufpassern, die in den Konzentrationslagern den Nazis zu Diensten waren.