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Nach Recep Tayyip Erdoğans Sieg im Referendum über die türkische Verfassung mangelte es nicht an kritischen Analysen in den westlichen Medien: Das Jahrhundert des kemalistischen Strebens nach einer Säkularisierung sei zu Ende, die türkischen Wähler seien weniger zu einer demokratischen Wahl aufgefordert gewesen als dazu, die Demokratie per Referendum einzuschränken. In manchen Reaktionen lag aber auch eine subtile Zweideutigkeit, die an die Unklarheit von Trumps Politik gegenüber Israel erinnerte: Während der amerikanische Präsident sich für die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels aussprach, zeigten sich einige seiner Unterstützer offen antisemitisch. Ein Widerspruch? In einem österreichischen Blatt gab es einmal die Karikatur zweier Stammtischbrüder im Nazi-Look, die sich bei der Zeitungslektüre mit den Worten empörten, hier könne man mal wieder sehen, wie ein völlig gerechtfertigter Antisemitismus für billige Kritik an Israel missbraucht werde.

Die lustige Verkehrung der üblichen Argumentation ist heute so exotisch nicht mehr. Sie ähnelt der Denkweise christlich-fundamentalistischer Unterstützer der israelischen Politik, die Kritik an dieser Politik als links zurückweisen. Ähnlich ist auch Anders Breivik, der norwegische Einwanderungsfeind und Massenmörder, antisemitisch und proisraelisch zugleich, weil er in Israel die vorderste Verteidigungsfront gegen die muslimische Expansion sieht. Breivik verkörpert das ultimative Paradox des zionistischen Antisemiten – und Spuren dieser bizarren Einstellung führen bis zu Heydrich zurück, der die Zionisten 1935 für ihre "strikt rassische Position" lobte.

Inzwischen gibt es eine neue Version dieser Denkfigur: den islamophoben Respekt für den Islam. Von Trump bis Putin gratulierten dieselben Politiker, die vor einer Islamisierung des Westens warnen, Erdoğan zu seinem Sieg, weil offenbar für die Türkei ein autoritäres Regime in Ordnung ist (nur halt nicht für uns). Eine Variante der österreichischen Karikatur könnte die Zeitungsleser sagen lassen: "Hier kann man mal wieder sehen, wie eine völlig gerechtfertigte Islamophobie für eine billige Kritik an der Türkei missbraucht wird!"

Die verschrobene Logik ist eine Antwort, aber natürlich eine falsche Antwort auf die große soziale Krankheit unserer Zeit, die Huntington-Krankheit. Der Veitstanz, wie man früher sagte, kann zunächst noch wie eine allgemeine Unruhe wirken, mit kleinen, unbeabsichtigten Bewegungen und mangelnder Koordination. Stellt sich das Aufkommen an brutalem Populismus nicht anfangs ähnlich dar? Es beginnt mit scheinbar willkürlichen gewaltsamen Übergriffen gegen Immigranten, unkoordinierten Ausbrüchen, die nur eine allgemeine Besorgnis und Unruhe angesichts der "fremden Eindringlinge" zum Ausdruck bringen, dann aber allmählich zu einer gut koordinierten und ideologisch begründeten Bewegung heranwachsen, ja explodieren – und zu etwas führen, das ein anderer Huntington als "Kampf der Kulturen" bezeichnete. Ein verräterischer Zufall: Was üblicherweise unter dieser Wendung verstanden wird, ist ein Veitstanz des heutigen globalen Kapitalismus.

Samuel Huntington zufolge wurde nach dem Ende des Kalten Kriegs der "eiserne Vorhang der Ideologie" durch den "samtenen Vorhang der Kultur" ersetzt. Huntingtons düstere Vision vom Kampf der Kulturen mag wie das genaue Gegenteil von Francis Fukuyamas rosigen Aussichten auf das Ende der Geschichte in Form einer weltweiten liberalen Demokratie wirken. Was schließlich unterschiede sich stärker von Fukuyamas Idee, dass die endgültige Formel für die bestmögliche Gesellschaftsordnung in einer kapitalistischen Demokratie gefunden wurde, als ein Kampf der Kulturen, der zur zentralen politischen Auseinandersetzung im 21. Jahrhundert heranwächst?

Aber heute lässt sich sagen: Der Kampf der Kulturen ist just die Politik am "Ende der Geschichte". Die ethnisch-religiösen Konflikte sind die Form des Kampfes, die dem globalen Kapitalismus entspricht: Im Zeitalter der "Postpolitik", die Politik durch Sozialverwaltung ersetzt, bestehen die einzigen verbliebenen legitimen Konfliktquellen in kulturellen (ethnischen, religiösen) Spannungen. Die Zunahme "irrationaler" Gewalt entspricht der Entpolitisierung, das heißt dem Verschwinden des genuin Politischen zugunsten des Sozialwesens. Wenn wir diese These zum Kampf der Kulturen akzeptieren, dann bleibt als einzige Alternative zu ihm die friedliche Koexistenz der Kulturen (oder der "Lebensweisen", wie man heute lieber sagt): Zwangsheiraten und Schwulenhass sind in Ordnung, solange sie sich auf ein anderes Land beschränken, das ansonsten vollständig in den Weltmarkt eingebunden ist.

Obszön: Alle Lebensweisen sind zugelassen. Es zählt die ökonomische Integration

Die neue Weltordnung wäre dann nicht mehr die einer globalen liberalen Demokratie à la Fukuyama, sondern eine der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher politisch-theologischer Lebensweisen – einer Koexistenz vor dem Hintergrund eines funktionierenden Kapitalismus. Die Obszönität dieses Prozesses besteht darin, dass er sich als Fortschritt im antikolonialen Kampf ausgeben kann: Es wird nicht mehr zugelassen, dass der liberale Westen anderen seine Standards aufzwingt, alle Lebensweisen werden gleich behandelt. Kein Wunder, dass Robert Mugabe Sympathien für Trumps Slogan "America first" bekundete – "America first" für dich, "Simbabwe first" für mich, "India first" oder "North Korea first" für andere. So funktionierte bereits das britische Empire, das erste globale kapitalistische Reich: Jede ethnisch-religiöse Gemeinschaft durfte ihrer Lebensweise nachgehen, die Hindus in Indien konnten gefahrlos Witwen verbrennen. Die örtlichen "Bräuche" wurden vielleicht kritisiert, aber toleriert, denn das, was zählte, war die ökonomische Integration.

In dieser neuen Weltordnung wird Universalität immer mehr auf Toleranz reduziert, das Tolerieren unterschiedlicher Lebensweisen. Gemäß der Formel des zionistischen Antisemitismus wird es kein Widerspruch sein, wenn wir in unseren Ländern einen politisch korrekten Feminismus durchsetzen und gleichzeitig Kritik an den dunklen Seiten des Islams als neokoloniale Arroganz zurückweisen. Es wird immer weniger Platz für Figuren wie Julian Assange geben, der trotz seiner problematischen Attitüden immer noch das stärkste Symbol für den "öffentlichen Vernunftgebrauch" (Kant) darstellt, wie es ihn ohne einen Raum für das Wissen und die Debatten der Öffentlichkeit außerhalb staatlicher Kontrollen nicht geben kann. Die erneuerten amerikanischen Anstrengungen, Julian Assange verhaften zu lassen, lassen nur zu gut ahnen, was bevorsteht: WikiLeaks wird zu einer Terrororganisation erklärt werden, und statt Verfechtern des öffentlichen Raums wie Assange werden Figuren den Ton angeben, die für die Privatisierung der Gemeingüter stehen: Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg – die Milliardäre mit "sozialem Gewissen". Sie verkörpern das globale Kapital in seiner verführerischsten und "fortschrittlichsten", kurz: in seiner gefährlichsten Form. Musk warnt gerne vor den Bedrohungen der neuen Technologien für die menschliche Würde und Freiheit – was ihn nicht davon abhält, in ein Unternehmen namens Neuralink zu investieren, das eine Gehirn-Computer-Schnittstelle entwickeln will, damit Menschen mit den Fortschritten der künstlichen Intelligenz mithalten können.