Jede technologische Neuerung wird zunächst so präsentiert, unter Betonung ihres Nutzens für humanitäre Belange, um uns blind zu machen für ihre Nebenwirkungen und Konsequenzen. Können wir uns vorstellen, welche Formen von Kontrolle diese sogenannte "neurale Spitze" mit sich bringt? Nein, und deshalb ist es zwingend geboten, sie dem privaten Kapital wie der staatlichen Macht zu entziehen, das heißt, sie der öffentlichen Debatte zugänglich zu machen. Assange hatte recht in seinem seltsamerweise ignorierten Schlüsselwerk über Google: Um zu verstehen, wie unser Leben heute reguliert wird und wie wir diese Regulierung als Freiheit erfahren, müssen wir uns auf die undurchsichtigen Beziehungen zwischen den Privatfirmen, die Gemeingüter kontrollieren, und geheimen Staatsbehörden konzentrieren.

Der heutige globale Kapitalismus hat keine positive Vision einer emanzipierten Menschheit mehr zu bieten, noch nicht einmal als ideologischen Traum. Der liberal-demokratische Universalismus à la Fukuyama ist an seinen eigenen Beschränkungen und Widersprüchen gescheitert, und der Populismus ist das Symptom dieses Scheiterns, seine Huntington-Krankheit. Die Lösung besteht aber nicht in populistischem Nationalismus, weder dem rechten noch dem linken. Die einzige Lösung ist ein neuer Universalismus. In Peter Sloterdijks Buch Was geschah im 20. Jahrhundert? gibt es dafür zwei Stichworte: das "Anthropozän" und "Von der Domestikation des Menschen zur Zivilisierung der Kulturen".

Das Anthropozän bezeichnet eine neue Epoche, in der wir Menschen uns nicht mehr darauf verlassen können, dass die Erde als Endlagerstätte für die Ergebnisse unserer Produktionstätigkeit bereitsteht: Die Kollateralschäden unserer Produktivität lassen sich nicht ignorieren. Die Erde erweist sich vielmehr als ein (weiteres) endliches Objekt, das wir zerstören oder so verändern können, dass es unbewohnbar wird. Genau in dem Moment, heißt das, in dem wir mächtig genug werden, um unsere grundlegendsten Lebensbedingungen zu beeinflussen, müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir nur eine weitere tierische Spezies auf einem kleinen Planeten sind. Sobald wir dies begriffen haben, brauchen wir ein neues Verhältnis zu unserer Umgebung: nicht mehr das eines heroischen Arbeiters, der sein kreatives Potenzial zum Ausdruck bringt und sich aus den unerschöpflichen Ressourcen seiner Umgebung bedient, sondern das eines sehr viel bescheideneren Akteurs, der mit seiner Umgebung kooperiert, um unentwegt ein erträgliches Niveau an Sicherheit und Stabilität auszuhandeln.

Nur Europa kann ökologische und soziale Standards garantieren

Um dieses neue Verhältnis zu unserer Umwelt zu entwickeln, ist ein radikaler politisch-ökonomischer Wandel erforderlich. Sloterdijk beschreibt ihn als "Domestikation des wilden Tiers Kultur". Bislang disziplinierte und erzog jede Kultur ihre eigenen Angehörigen und garantierte den inneren Frieden zwischen ihnen durch staatliche Macht. Das Verhältnis zwischen verschiedenen Kulturen und Staaten aber stand permanent unter dem Vorzeichen eines Krieges, und jeder Frieden war nicht mehr als ein vorübergehender Waffenstillstand. Wie Hegel sie begriff, kulminiert die Ethik des Staates in der Bereitschaft des Bürgers, sein eigenes Leben für den Staat zu opfern, was bedeutet, dass die Feindschaft zwischen den Staaten als Grundlage für das ethische Leben innerhalb eines Staates dient. Ist Nordkorea mit seinen Raketen nicht das perfekte Beispiel für diese Logik der rücksichtslosen nationalstaatlichen Souveränität?

In dem Moment jedoch, in dem wir akzeptieren, dass wir auf einer bedrohten Erde leben, drängt sich uns die gegenteilige Aufgabe auf, die Kulturen zu zivilisieren, universelle Solidarität und Zusammenarbeit durchzusetzen; eine Aufgabe, die durch den Aufstieg der "heroischen Gewalt" religiöser und ethnischer Sektierer nicht leichter wird. Die Maßnahmen, die Sloterdijk vorschlägt – die Überwindung des kapitalistischen Expansionsdrangs, eine internationale Zusammenarbeit mit dem Potenzial zu einer Exekutivgewalt, die bereit ist, staatliche Souveränität zu verletzen –, sind dies nicht allesamt Maßnahmen, die darauf abzielen, unsere natürlichen und kulturellen Gemeingüter zu bewahren? Wenn sie nicht in die Richtung eines neu erfundenen Kommunismus weisen, wenn sie nicht einen kommunistischen Horizont implizieren, dann weiß ich nicht, was mit dem Begriff Kommunismus gemeint gewesen sein soll.

Das ist der Grund, warum es sich lohnt, trotz ihrer gegenwärtig elenden Verfassung für die Idee der Europäischen Union zu kämpfen: In der globalisiert kapitalistischen Welt bietet sie das einzige Modell, das über die Autorität verfügt, nationale Souveränität zu begrenzen und ökologische und sozialstaatliche Standards zu garantieren. Etwas überlebt in ihr, das unmittelbar aus den besten Traditionen der europäischen Aufklärung stammt. Unsere Pflicht, die Pflicht von uns Europäern ist es, uns nicht als die ultimativen Schurken der kolonialistischen Ausbeutung wegzuducken, sondern für diesen Teil unseres Erbes zu kämpfen, der für das Überleben der Menschheit wichtig ist.

Europa ist zwar in der neuen, globalen Welt verschrien als ein alter, erschöpfter, irrelevanter Kontinent, der in den heutigen geopolitischen Konflikten nur eine Nebenrolle spielt. Aber wie sagte unlängst Bruno Latour: "L’Europe est seule, oui, mais seule l’Europe peut nous sauver." – "Europa ist allein, ja, aber allein Europa kann uns retten."

Aus dem Englischen von Michael Adrian