Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Was machen eigentlich Protestanten, die nicht zum Kirchentag fahren? Eigentlich ist das eine Kinderfrage. Sie kommt aus dem Munde derer, die von der Zahl 100.000 oder auch 500.000 keine rechte Vorstellung haben. Nicht mit Gummibärchen aufzuwiegen. Doch diese Frage kommt tatsächlich, als müssten sich die rechtfertigen, die nicht nach Berlin und Wittenberg pilgern. Vermutlich verpassen sie was. Ein großes, ein riesengroßes Fest, bei dem die Zahl der Abendmahlskelche die Zahl der Gottesdienstbesucher am Heiligen Abend in einer deutschen Kleinstadt touchiert. Ein Treffen mit Freunden und lang verloren geglaubten Bekannten. "Wisst ihr noch, wie ihr mit 17 zum ersten Mal in der Turnhalle übernachtet habt?" Zwei streichen sich verlegen durch die grauen Haare, irgendwo am Brandenburger Tor. Enkel stehen neben Großeltern, Kirchenvorstände sprechen von der "schönsten Fortbildungsveranstaltung der Welt", und eine Kollegin hört von morgens bis abends nur Musik. Drei Tage lang.

Es gibt alles, und davon viel. Debatten über die großen und drängenden Themen und stille Gebete in Kirchenwinkeln, Posaunenhundertschaften und Jazz im Kleinformat, Bibelarbeiten von Menschen mit anderem Blick auf die alten Texte und vermutlich Sonne satt. So ist es nämlich beinahe immer, wenn Kirchentag ist.

500 Jahre nach der Reformation werden auf den Elbwiesen die Evangelischen eng zusammenrücken und ganz viele sein. Dazu der ganz hohe Besuch. Noch mehr aber werden nicht da sein. Viel mehr. Sie müssen arbeiten oder sie mögen die Massen nicht. Sie versorgen kleine Kinder oder alte Eltern, sie haben Nachtschicht oder in der nächsten Woche schwierige Verhandlungen oder brauchen den Jahresurlaub für anderes auf. Sie freuen sich am fernen Mengenglück und schließen die protestantischen Pilger in ihre Gebete ein, oder sie wissen gar nicht, dass Kirchentag und Festsommer ist und zucken mit den Achseln. "Was ist da?" Das alles gehört zur Freiheit eines Christenmenschen, 500 Jahre nach der Reformation. Manch einer war noch nie in Wittenberg, dafür schon dreimal in Rom. Aber der Sommer ist noch lang. Die Fernsehbilder und die Berichte der Festbesucher können ansteckend sein. Doch auch am kommenden Sonntag werden überall im Land Kirchenglocken läuten, Christen werden wie jeden Sonntag oder nur ab und zu oder ausnahmsweise zum Gottesdienst gehen. Vielleicht singen sie ein neues Kirchentagslied. In den Bänken ist noch viel Platz. Ganz normales Alltagschristentum. Das gibt es. Für die, denen Wittenberg zu weit ist.