Treffen sich zwei Protestanten und ein Katholik, um über Wittenberg zu reden: Gibt es dafür einen besseren Ort als die Schlosskirche? Hier schlug Martin Luther angeblich seine 95 Thesen an, hier liegt er begraben. Man schüttelt Hände, posiert für die Fotos und bewundert die Pflugschar, die Friedrich Schorlemmer mitgebracht hat. Er hat sie zu DDR-Zeiten publikumswirksam umschmieden lassen, als ein Symbol des Widerstands. Die Klinge ist noch scharf. Anschließend geht es ins Restaurant gegenüber. Doch die drei kommen nicht dazu, in die Speisekarte zu gucken – so angeregt verläuft das Gespräch.

Frage: Herr Schorlemmer, auf Ihren Rat hin treffen wir uns in der Alten Canzley, einem Haus, das 1391 als Residenz des kurfürstlichen Kanzlers errichtet wurde. Warum haben Sie das empfohlen?

Friedrich Schorlemmer: Weil es ein geschmackvoll eingerichtetes Lokal ist. Und weil es Wittenberger Geschichte atmet. Es liegt gleich gegenüber der Schlosskirche. Außerdem würde ich sagen: Die Qualität eines Lokales bemisst sich an der Qualität der Soße. Die Soßen hier sind sehr gut. Wenn Sie jemanden heiraten wollen, müssen Sie vorher gucken, ob er oder sie gute Soßen kann.

Reiner Haseloff: Wenn man als Wittenberger wichtige Gäste hat, geht man jedenfalls hierhin.

Frage: Wirklich wahr?

Haseloff: Ja! Christian Wulff war hier, als Bundespräsident. Die dänische Königin hat hier gewohnt. Die Schlosskirche ist der entscheidende Ort in unserer Stadt. Und die Alte Canzley ist das Lokal, das eben dazugehört. Es hat bis hin zu Napoleon alles gesehen, was Rang und Namen hatte.

Wolfgang Böhmer: Bis 1990 war das Gebäude verkommen.

Schorlemmer: Es ist wunderbar, zu sehen, wie unsere Stadt jetzt ein so freundliches Gesicht zeigt.

Frage: Sie sind die drei prominentesten Einwohner dieser aufblühenden Stadt Wittenberg: Ein früherer und ein amtierender Ministerpräsident sowie ein Theologe, der sich einen Namen in ganz Deutschland gemacht hat. Saßen Sie schon einmal zu dritt zusammen, in so einer Runde?

Haseloff: Zu zweit saßen wir schon mal hier, Herr Böhmer und ich, mit verschiedenen Persönlichkeiten. Zu dritt noch nicht.

Frage: Sie siezen sich?

Haseloff: Aber ja. Wir Christdemokraten sind ja keine Arbeiterpartei. Auch wenn ich Arbeiterkind bin.

Frage: Wer von Ihnen lebt am längsten schon in Wittenberg?

Böhmer: Herr Haseloff.

Haseloff: Hier ist meine Heimat. Hier bin ich geboren.

Frage: Ist es richtig, dass Ihre Familie seit 850 Jahren in Wittenberg zu Hause ist?

Haseloff: Es gibt ein Dorf mit dem Namen Haseloff, rund 20 Kilometer nördlich von hier. Eine Flamengründung. Alle aus diesem Clan, die dort ihren Platz hatten, haben dann den Ortsnamen als Familiennamen in die Welt getragen. Der erste Haseloff, der im Steuerbuch von Wittenberg steht, war 1423 Mathis Haseloff vom Elsterende am Elstertor. Dort befindet sich heute die Fleischerstraße. Und da wohne ich immer noch.

Frage: Das heißt, Martin Luther muss einen Haseloff gekannt haben?

Haseloff: Mit großer Wahrscheinlichkeit ist er an den Haseloffs nicht vorbeigekommen. (lacht)

Frage: Herr Schorlemmer, Sie haben an der Uni Halle-Wittenberg Theologie studiert.

Schorlemmer: Während meiner Studienzeit lebte ich allerdings in Halle und bin erst 1978 als Dozent ans Wittenberger Predigerseminar berufen worden. Seitdem lebe ich hier. Gern.

Frage: Und Sie, Herr Böhmer, kamen als junger Arzt.

Böhmer: Ach! So jung war ich damals schon nicht mehr. Aber Arzt war ich, das ist richtig. Am 1. Januar 1974 trat ich meinen Dienst an, im Evangelischen Krankenhaus. Ich hatte mich vorher in einem anderen Krankenhaus beworben und war dort abgelehnt worden, weil ich nicht parteipolitisch tätig sein wollte. Hier in Wittenberg hat man das nicht verlangt. Deshalb war ich in bester Stimmung – ich wäre barfuß hierhergelaufen, so froh war ich.

Frage: Wer von Ihnen dreien war in der Stadtgesellschaft als Erster prominent?

Böhmer: Herr Schorlemmer! Er hat damals, 1983, hier in Wittenberg auf dem Lutherhof ein Schwert zu einer Pflugschar schmieden lassen …

Frage: … und damit die friedliche Revolution in der DDR mit vielen anderen gemeinsam eingeleitet. Ist es Zufall, dass drei der wichtigsten Sachsen-Anhalter in Wittenberg zu Hause sind?

Böhmer: Solche Formulierungen bitte ich nicht in der Zeitung lesen zu müssen. So eitel sind wir nicht. Wir sind nicht unwichtig, aber nicht die wichtigsten Menschen. So etwas über sich selbst zu sagen, fände ich unanständig.

Frage: Okay, wir fragen anders: Warum sind Sie immer hiergeblieben?