Die Sonne steht hoch über der Nordsee, als Julius Meier und Felix Wuppert ihren vorerst letzten Moment in Freiheit genießen. Die Freunde liegen in einem Whirlpool auf Deck des Kreuzfahrtschiffs Mein Schiff 6 , hin und wieder ziehen sie am Strohhalm ihrer Cola. Alles scheint perfekt. So werden sich die beiden ein paar Tage später erinnern.

Es ist eine traumschöne schwimmende Stadt, in die die Freunde eingecheckt haben: überbordende Buffets, ein 25-Meter-Pool, Saunen, ein Theater. Man müsste das Schiff im Grunde nie wieder verlassen, denken sie.

Nicht einmal zwölf Stunden später werden Meier und Wuppert nie wieder ein Kreuzfahrtschiff betreten wollen.

Was den beiden in dieser Nacht Mitte Mai passiert, lässt Zweifel daran aufkommen, wie auf Kreuzfahrten mit Grundsätzen des Rechts umgegangen wird. Es lässt Zweifel daran aufkommen, ob an Bord bei Tui Cruises das Prinzip der Unschuldsvermutung gilt – oder das der Selbstjustiz. Es ist eine Nacht, die zeigt, wie undurchsichtig die Rechtsordnung auf hoher See ist; und dass Kreuzfahrtschiffe zwar wie schwimmende Städte sind, aber offenbar mit Gesetzen, die wenig mit denen einer deutschen Stadt gemein haben.

Die Tour, für die Meier und Wuppert angemeldet sind, ist die Testfahrt des neuesten Schiffes von Tui Cruises. Mitarbeiter sind eingeladen, mit Freunden und Familie zwei Tage lang Dänemark zu umfahren. In Kiel geht es los, in Hamburg endet die Reise. Es soll ein Dankeschön sein und eine Chance, das Schiff unter Realbedingungen zu erproben. Am 1. Juni will Tui Cruises Mein Schiff 6 feierlich taufen.

Felix Wuppert, ein 30 Jahre alter Mann mit Hornbrille und Hemd, arbeitet bei dem Unternehmen in der Buchhaltung. Er macht den Job erst seit Anfang des Jahres, über das Angebot mitzufahren sei er "mega-happy" gewesen, sagt er. Wuppert lädt seinen Freund Julius Meier ein, der als Krankenpfleger arbeitet, 27 Jahre alt, dazu ein befreundetes Paar mit Kind. Die Fotos, die die Gruppe zu Beginn der Fahrt aufnimmt, zeigen lachende Gesichter in der Sonne.

Dann wird es dunkel, der Abend beginnt. Das Schiff befindet sich zwischen Jütland und der schwedischen Westküste, das befreundete Paar verabschiedet sich. Der Mann möchte seiner Freundin einen Heiratsantrag machen, hatte er Wuppert und Meier verraten. Die beiden Freunde gehen noch auf ein paar Drinks in die "Abtanz Bar", den Club des Schiffs. Es ist schon rappelvoll, als sie ankommen, erinnert sich Meier. Sie trinken, tanzen. Gegen vier wird Wuppert müde und geht ins Bett.

Meier bleibt. Hier beginnt die Geschichte unübersichtlich zu werden.

Seine Version erzählt er mit seinem Freund Wuppert in der Kanzlei ihres Hamburger Anwalts, den sie mittlerweile eingeschaltet haben. Es ist die Geschichte von einvernehmlichen Sex, von zwei unbescholtenen Männern, die doch nur ein bisschen Spaß mit einer alkoholisierten Frau hatten.

Die Version, die Tui Cruises dagegenhält, ist die eines Vergewaltigungsvorwurfs auf dem Schiff, den das Unternehmen ernst genommen hat. Sexuelle Übergriffe zählen mittlerweile zu den häufigsten Delikten auf Kreuzfahrtschiffen; geschuldet ist das dem hohen Alkoholkonsum. Unabhängig davon, wessen Version stimmt, gelten aber auch auf See rechtliche Mindeststandards. Für Meier und Wuppert hätten sie nicht gegolten, sagt deren Anwalt Mirko Laudon. Nicht im Ansatz.

An der Bar lernt Meier eine Frau kennen, erinnert er sich. Sie unterhalten sich, dann gehen sie gemeinsam auf seine Kabine, in der er sich mit Wuppert ein Bett teilt. Er ist zu diesem Zeitpunkt, sagt Meier, "leider mehr als nur angetrunken", deshalb poltern sie in den Raum, Wuppert wacht auf. Die Frau und er kommen "schnell zur Sache", sagt Meier, sie legen sich aufs Bett und schlafen miteinander. Wuppert liegt daneben, es entwickelt sich eine Dreier-Situation: Die Frau habe das gewollt und zugelassen, sagen die Freunde. Irgendwann seien alle, so erzählt es Meier, nacheinander duschen gegangen, dann schlafen sie ein. Am nächsten Morgen hätten sie der Frau geholfen, ihre Sachen zusammenzusuchen, dann sei sie gegangen.

Gegen neun gehen die beiden Männer mit ihren Freunden und dem Kind frühstücken. Meier ist übermüdet, hat Kopfschmerzen, trotzdem sieht es zunächst nach einem schönen Tag aus: Erst gehen sie zur Ernährungsberatung und ins Fitnessstudio, dann ein kleiner Mittagsschlaf, schließlich legen sie sich in den Whirlpool.

Es ist etwa 16 Uhr, als zwei Männer am Rand des Pools stehenbleiben, einer in weißer, einer in schwarzer Uniform. Die Security-Mitarbeiter halten Meier und Wuppert zwei Fotos entgegen, auf Englisch fragen sie: "Sind Sie das?" Beim Einchecken an Bord wird jeder Passagier porträtiert, eine Sicherheitsmaßnahme. "Bitte kommen Sie mit", sagt der Mann in Weiß, "es dauert nicht lange." Worum es geht, lässt es vollkommen offen. Meier und Wuppert sind verwirrt.

Kreuzfahrtschiffe sind rechtlich komplexe Gebilde, auf ihnen arbeiten Menschen aus vielen Ländern. Oft engagieren die Reedereien Subunternehmen, die ihren Leuten Zeitverträge für wenige Wochen geben.

Der Buchautor Wolfgang Gregor, früher selbst Kapitän, hat monatelang zu den Schattenseiten von Kreuzfahrten recherchiert. Früher, sagt er, hätten häufig israelische Ex-Polizisten oder Offiziere des Mossads für die Sicherheit an Bord gesorgt. Irgendwann sei das zu teuer geworden. Heute arbeiteten viele Wachleute und Türsteher vom Balkan oder aus Südostasien auf den Schiffen. "Oft ziemlich finstere Gestalten", sagt Gregor. Die Folge: Bei einem Verdacht auf eine kriminelle Tat seien die Prozesse an Bord oft "intransparent, vorschnell und nicht im Einklang mit üblichen kriminaltechnischen Verfahren und unserem Strafrecht".

An Bord von Mein Schiff 6 wundern sich Wuppert und Meier, wie wenige Mitarbeiter Deutsch sprechen: Die meisten seien Asiaten gewesen, viele der Sicherheitsmitarbeiter kommen wohl aus Südafrika. Als die Männer am Pool stehen, fragt Meier sie, ob er mit einem deutschsprachigen Kollegen reden könne, weil sein Englisch schlecht sei – die Männer lehnen ab. Stattdessen bringen sie Wuppert und Meier ins Innere des Schiffs, führen sie getrennt voneinander in fensterlose Räume.

Dort, im Bauch des Schiffes, ahnt Meier, dass die Sache ernster sein könnte als gedacht: "Das war eine beklemmende Stimmung, die haben mich behandelt wie einen Verbrecher."

Bewacht von zwei Sicherheitsbediensteten, sitzt er in nasser Badehose in einem karg eingerichteten Büro, nicht größer als acht Quadratmeter.

Er habe, sagt Meier, gleich zu Beginn mehrmals gefragt, was los sei, aber keine Antwort bekommen. Der Chef, wiederholen die beiden Männer, komme gleich. Statt des Chefs taucht eine Tui-Mitarbeiterin auf, eine Deutsche. Meier ist erleichtert, fragt, warum er festgehalten werde. "Da hat sie nur gezischt: 'Sie wissen genau, was los ist'", sagt Meier.