Dann wurde es magisch

Im April hielt ich eine Lesung in Schlatt im Kanton Thurgau. Es kamen 150 Besucher, das entspricht jedem zehnten Einwohner des Dorfes. Die einen, die meinetwegen angereist waren, saßen auf der Bühne oder rund um den Büchertisch. Die anderen waren da, weil sie die alljährliche Lesung in der altehrwürdigen Eisenbibliothek im Rahmen des Literaturfestivals Erzählzeit ohne Grenzen nicht verpassen wollten. Das war alles.

Ein kleines bisschen bekannter als ich war an diesem Abend der Moderator, der in Schaffhausen seit vierzig Jahren eine Buchhandlung führt. Er war es, der die Anwesenden mit den Worten einführte, dass er persönlich – das müsse er zugeben – große Mühe mit dem Buch Lanz gehabt habe. Er sei sich nicht sicher, ob die Sprache nötig und ob sie überhaupt literarisch sei. Zudem frage er sich, warum um Himmels willen ein Autor dies tue: so schreiben. Dann durfte ich mit der Lesung beginnen.

Natürlich ärgerte mich diese Anmoderation. Ein alter Mann hatte sich die Freiheit genommen, eine fürchterliche Einführung zu dem Text zu halten, den ich noch vorlesen und den sich 150 Zuhörer noch anhören mussten.

Dann passierte etwas Magisches. Die Besucher packten nicht etwa ihre Mäntel und gingen direkt zum Apéro über, sondern machten es sich auf ihren Stühlen bequem. Als ob sie sich darauf freuten, zu hören, was den Herrn auf der Bühne so offensichtlich irritierte. Der Text erhielt ungeteilte Aufmerksamkeit, und in der darauffolgenden Diskussion, die der Moderator mit kritischen Fragen eröffnete, war mir, als würde ich mich nicht in einer literarischen Lesung, sondern in der Schlatter Gemeindeversammlung befinden. Die Besucherinnen und Besucher bezogen Position, applaudierten und schüttelten die Köpfe – für die frisch polierten Weingläser am Rande des Saals schienen sie sich nicht mehr zu interessieren.

Als ich später Bücher signierte, rückte mir der Moderator wieder auf den Leib. Sobald ich Zeit hätte, müsse er noch mit mir reden, sagte er. Und sobald ich Zeit hatte, sagte ich ihm, dass ich es als unangebracht empfinde, einen Text vorab zu kritisieren. Dem Besucher solle die Möglichkeit geboten werden, dem Text unvoreingenommen zu begegnen. Er als Moderator müsse dem Buch und auch dem Gast gegenüber wohlwollend eingestellt sein, sonst solle er die Anfrage das nächste Mal ablehnen. Darauf entschuldigte er sich aufrichtig. Und als seine Partnerin, die sich zu uns gesellt hatte, offenbarte, dass sie den Saal vor Scham fast verlassen hätte, entschuldigte er sich noch einmal. Dann aber wollte er wieder über Lanz reden und die komische Sprache, in der das Buch verfasst sei.

Als der letzte Besucher gegangen war, redeten wir noch immer über den Text. Erst als wir zwei Stunden später in einer Schaffhauser Beiz saßen, sprachen wir nicht mehr über Lanz, sondern über Markus Werner, Jonas Lüscher und darüber, dass er, der seit vier Jahrzehnten eine Buchhandlung führt, nicht vom Bücherverkaufen leben kann, sondern als Reiseleiter sein Geld verdienen muss.

From worst to first hätte ich sagen können, wenn ich ihn erneut hätte ärgern wollen, doch von diesem Mann Abschied zu nehmen war tatsächlich sehr schwer. Er hatte meinen Text gelesen und konnte nicht anders, als sich sofort aufzumachen, um ebendiesem auf die Spur zu kommen. Dass dieser Mann an jenem Abend zufälligerweise Moderator war, konnte ihn nicht davon abhalten. Der Text hatte ihn provoziert, darauf musste er reagieren, er hatte keine andere Wahl. Die Folge war, dass nicht nur er, sondern alle Anwesenden plötzlich mitdenken und sich einmischen wollten. Das ist vielleicht das Beste, was einem Text passieren kann.

Nun war ich kürzlich in Berlin auf einer Lesung eines amerikanischen Autors. Nach dem Auftritt verweilte man vor dem Lokal bei einem Bier und rauchte, und die Lektorin des Autors erzählte, wie froh sie gewesen sei, dass sie es geschafft hatte, Los Angeles und nicht Berlin als Hauptschauplatz des Buches zu etablieren. Berlin sei völlig überbesetzt, Los Angeles aber der place to be . Einen Moment lang hätte man glauben können, dass die Frau nicht über ein Buch sprach – sondern über einen neuen Cola-Zero-Werbespot.

Den Schlattern ist es egal, ob ein Buch in Berlin oder Los Angeles spielt. So auch den Bernern. Ihnen ist die Verpackung eines Kunstwerkes nicht so wichtig. Das ist eine grandiose Voraussetzung für jeden Kunstschaffenden. Wenn ich als Neuling also etwas über die hiesige Literaturszene sagen müsste, dann, dass es allen Unkenrufen zum Trotz im Kern um Inhalte geht. Natürlich gibt es Tratsch, natürlich wäscht eine Hand die andere. Natürlich müssen sich Bücher verkaufen und Veranstaltungen gut besucht sein, da der Literaturapparat ohne Geld nicht funktionieren würde. Am Ende des Tages aber, wenn alle Eintritte gezählt und alle Bücher signiert sind, geht es um die Literatur, ums Lesen und Schreiben und um die Freuden, die damit verbunden sind – und die Mühen.