Welch ein Jubelseufzer aus tiefstem Slowenenherzen: "Pr’ moj duš!" Meiner Seel’, stößt Lojze Wieser hervor, was für eine abenteuerliche Lebensreise kann er da Revue passieren lassen? Und wie oft war es in den bewegten Jahren alles andere als sicher, dass er diesen Tag unbeschadet erleben würde? Ein kleines Kulturwunder ist es wahrscheinlich und ein Glücksfall für das literarische Leben mit Sicherheit.

Mit einem großen Fest feierte dieser Tage der kleine Wieser-Verlag in Klagenfurt seinen 30. Geburtstag. Neben den deutschen Verlagsriesen mag dieser Bücherproduzent aus dem Süden der Republik eine vernachlässigbare Größe sein, der Einfluss, den er auf die deutschsprachige Szene ausgeübt hat, ist jedoch gewaltig. Konsequent erschloss Wieser die literarischen Welten von Südosteuropa und ebnete Dichtern und Schriftstellern, deren Namen außerhalb ihrer Region auch Experten kaum geläufig waren, den Weg zu einem deutschsprachigen Publikum. Wiesers Verlagsprogramme waren – auch für Kollegen und Kritiker – stets spannende Expeditionsführer in ein lange Zeit unentdecktes geistiges Universum, in dem geheimnisvolle Poesie und oft surrealistischer Aberwitz im Verborgenen blühen. Rund 900 Bücher sind so in den vergangenen drei Jahrzehnten zusammengekommen, vieles davon kleine Kostbarkeiten, die ohne den ruhelosen Verleger wahrscheinlich nie den Weg in die Welt gefunden hätten.

Rechtzeitig zum Jubiläum legte der heute 63-jährige Buchliebhaber ein Mammutprojekt vor, das gut verdeutlicht, wie er seit je sein Handwerk versteht: die deutsche Übersetzung des gewaltigen Epochenepos Die Fahnen des kroatischen Universalgelehrten und Jahrhundertautors Miroslav Krleža, an die sich bisher niemand herangewagt hatte. 3.000 Seiten in fünf Bänden, die zurückführen in die Zeit der großen Umbrüche am Ende der Donaumonarchie. Neun Jahre brüteten zwei Übersetzer über dem Text des Sprachartisten und enträtselten die zahllosen Anspielungen. Zugesagte Subventionen lösten sich in Luft auf, am Ende verschlang das Projekt 70.000 Euro. Wider alle Schwierigkeiten hat Wieser einen Schlüsselroman der europäischen Literatur zugänglich gemacht, der ohne ihn wohl weiterhin nur von regionaler Bedeutung geblieben wäre. "Eine verlegerische Leistung erster Größe", bescheinigte ihm die Süddeutsche Zeitung.

Lojze Wieser ist der Extremsportler unter den Verlegern. Aber er stürzt sich nicht deshalb in seine oft kühnen Projekte, weil er süchtig wäre nach dem Adrenalinrausch, den so ein verlegerisches Wagnis auslösen könnte. Er geht vielmehr an Grenzen und nimmt es in Kauf, immer wieder am ökonomischen Abgrund zu balancieren, weil er leidenschaftlich für seine Bücher brennt und für die Literatur ganz allgemein. Er schreibt ihr geradezu heilsame Kraft zu, in seinem Verständnis ist sie ein Zaubermedium, das die Kraft besitzt, zu heilen, was nationalistischer Ungeist in den Köpfen anzurichten vermag.

Dort, wo Lojze Wieser herkommt, in dem kleinen Dorf Tschachoritsch/Cahorce, war es gerade die Sprache, an der sich häufig die Geister schieden. Alle bedienten sich damals in dem Ort der slowenischen Sprache, Deutsch lernte der Sohn eines kriegsinvaliden Maurers erst in der Volksschule und wurde dann wahlweise Alois oder Lojzi gerufen. Eingetrichtert wurde ihm das neue und in diesem Gebiet ideologisch dominante Idiom von einem ehemaligen SS-Mann, dessen Mutter selbst bis zu ihrem Tod kein Wort Deutsch sprach. Als Einziger in seiner Klasse beschloss er, "vor allem aus Trotz", wie er heute sagt, nicht die nahe gelegene deutschsprachige Hauptschule, sondern das slowenische Gymnasium in Klagenfurt zu besuchen, das er aber noch vor der Matura abbrach.

Der weitere Weg führte geradewegs zu Büchern. Sein Vater war Vertrauensmann der kommunistischen Büchergemeinde, eines roten Buchclubs, der Literatur unter das Volk brachte. Wieser fand in der parteieigenen Zentralbuchhandlung in Wien eine Lehrstelle, rutschte aber bald in das politische Sektenleben der österreichischen Maoisten ab. Unter den Bürgerkindern, erinnert sich Wieser heute, "war ich der einzige Proletarier". Gemeinsam "mit der Bewegung und im Dienst der Bewegung" baute er die erste Offset-Druckerei des Landes auf, die das vielfältige Propagandamaterial für eine Revolution nach chinesischem Muster produzierte. "Heute", sagt Wieser stolz, "kann ich alle Tätigkeiten ausüben, die mit Büchern im Zusammenhang stehen, mittlerweile sogar auch Bücher schreiben. Nur die Fadenheftung beherrsche ich mangelhaft." Als die roten Träume wie eine Seifenblase platzten, war auch sein Druckbetrieb, die Alois Wieser Ges.m.b.H., nicht mehr zu retten, und der junge Umstürzler verdingte sich in einem streng kapitalistischen Unternehmen des Gewerbes, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Die entscheidende Wende trat ein, als er mit dem einstigen Führer der slowenischen Partisanen in Kärnten, Karel Prusnik-Gasper, zusammentraf, der aus seiner unmittelbaren Heimat stammte. Der hatte nach dem Krieg noch in britischer Internierungshaft seine Erinnerungen an den Widerstandskampf in den Karawankenwäldern aufgeschrieben, die allerdings nur in Slowenisch erschienen waren. Gemeinsam beschlossen die Landsleute, die Memoiren ins Deutsche zu übertragen. Allerdings zeigte sich kein österreichischer Verlag an dem Bericht über einen historisch blinden Fleck interessiert, und Wieser ersuchte Franci Zwitter, den damaligen Obmann des Slowenischen Zentralverbandes Kärnten, die Aufzeichnungen im Drava-Verlag, der dem Verein gehörte, erscheinen zu lassen. In Eigenregie produzierte Wieser das Buch und schaffte es, vom Wohnzimmer aus fast 1.500 Exemplare an den Mann zu bringen – einer der ersten Käufer, erzählt Wieser, sei André Heller gewesen.