DIE ZEIT: Herr Karl, Sie verbringen Ihr Leben damit, Maispflanzen immer höher wachsen zu lassen. Gestatten Sie mir die ketzerische Frage: Warum um alles in der Welt tun Sie das?

Jason Karl: In der Regel tun Menschen etwas, weil es Geld zu verdienen gibt. Und Geld lockt, wenn man an normalem Mais forscht, der sich leichter ernten lässt oder der größere Kolben produziert. Für extrem hoch wachsenden Mais gibt es kein Geld – es muss sich also jemand Unabhängiges finden. Ich zum Beispiel.

ZEIT: Sie oder niemand?

Karl: Ja. Es gibt so viel über Mais zu lernen – die Inkas etwa waren ziemlich gut darin, große Samenkörner hervorzubringen, andere indigene Völker haben besonders große Kolben gezüchtet. Aber niemand hat sich mit extremer Wuchshöhe beschäftigt.

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ZEIT: Ihre Pflanzen wachsen bis zu 14 Meter hoch. Besonders praktisch ist das nicht. Wieso fasziniert Sie die Höhe?

Karl: Weil man eine Menge Dinge lernen kann, die man nur so entdeckt. Ich stelle mir meine Forschung wie einen Hasenbau vor – man muss schon reinklettern, um zu finden, was dort unten ist.

ZEIT: Stimmt es, dass Sie bereits als Teenager im Staat New York Maispflanzen gepäppelt haben?

Karl: Ja, ich kannte jemanden, der in seinem Gewächshaus riesige Kürbisse züchtete. Er begeisterte mich für das Feld, und als ich später an der Uni merkte, dass die Wissenschaft kaum etwas über das extreme Höhenwachstum von Mais wusste, war ich frustriert. So machte ich mich selbst daran.

ZEIT: Wieso wird Mais größer, wenn er in einem Gewächshaus angebaut wird?

Karl: Es gibt mehrere Faktoren, und sie sind nicht besonders gut erforscht. Aber wichtig sind die Wellenlänge des Lichts, der Schutz vor Wind und die Temperatur. Wie hoch Mais wird, hängt davon ab, wie viele Internodien die Pflanze hat – also die Abschnitte des Stängels zwischen zwei Knoten – und wie lang diese Abschnitte werden. Weil Mais morgens am stärksten wächst und ein Gewächshaus sich schneller aufheizt als seine Umgebung, werden die Internodien dort länger. Den gleichen Effekt bewirkt das gefilterte Licht. Das sind nur zwei Beispiele.

ZEIT: Worin genau läge der evolutionäre Vorteil eines so riesenhaften Wuchses?

Karl: Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Mais aus irgendeinem speziellen Grund so evolviert ist, dass er in diese extremen Höhen wächst.

ZEIT: Sie haben die Pflanze also ausgetrickst, es dennoch zu tun?

Karl: Das könnte man so sagen.

ZEIT: Ist das kommerziell interessant?

Karl: Wenn man sich den Mais in temperierten Regionen wie den USA oder Europa anschaut: nein. Da sind zu hohe Pflanzen eher ein Problem, weil die Maschinen Probleme hätten, damit umzugehen. Die Agrarindustrie will lieber gleichförmige Maispflanzen.

ZEIT: Sie sind von New York nach Costa Rica umgezogen. Hat sich das gelohnt?

Karl: Und wie! Zum einen ist es schwierig, mit tropischem Mais im kalten Nordosten der USA zu arbeiten. Hier kann ich ganzjährig an meinen Projekten arbeiten, bestäuben, kreuzen, pflanzen ... und komme so schneller voran.

ZEIT: Ist es schwierig, so ein exotisches Projekt finanziert zu bekommen?

Karl: Leider ja. Deswegen macht es auch kaum jemand. Aber Forschung an riesigem Mais ist mehr als nur ein Hobby für blöde Bauern. Ich gehe an ein extremes Ende, und ich weiß nicht, was sich dort zeigen wird, wenn ich ankomme.