Angeblich soll man solche Superlative vermeiden, aber ich kann nicht anders: In meinem Leben habe ich nie so gelacht wie bei der Lektüre eines Briefes von Marcel Proust. Am 17. Mai 1888, an einem Donnerstagabend, schrieb Proust, einer der größten Dichter aller Jahrhunderte, an seinen Großvater einen Bettelbrief. Er benötigt 13 Franc und erklärt dem erhofften Sponsor, warum. Er müsse nämlich dringend eine Frau aufsuchen, "damit ich meine schlechte Gewohnheit, zu masturbieren, ablege".

Zu diesem Zweck hatte ihm der Papa schon zehn Franc für den Besuch im Bordell gegeben. Im Bordell aber hatte der Dichter einen Nachttopf kaputt gemacht. Waren schon drei Franc, war aber gar nichts gegen den zweiten Punkt: "... und 2. konnte ich wegen der gleichen Aufregung nicht mehr vögeln." Das war bitter, denn die drei Franc für den Nachttopf mussten bezahlt werden, aber damit war ja das Masturbationsproblem keinesfalls erledigt. Zu dessen Erledigung mussten noch einmal zehn Franc her, und Proust beteuert gegenüber seinem Großvater, dass das Geld diesmal gut angelegt wäre, und zwar der Umstände halber, "von denen Du ja weißt, dass sie nicht nur außergewöhnlich, sondern auch einzigartig sind: das passiert nicht zweimal im Leben, dass man zu aufgeregt ist, um vögeln zu können ..."

In der Familie wurde offenbar kein Blatt vor den Mund genommen. Aus dem Nachwort erfahre ich, dass Proust-Kenner immer schon predigten, der Dichter sei ein großer Humorist. Dass er zu den französischen Moralisten gehört, leuchtet mir ein, denn diese heißen nicht Moralisten, weil sie Moral lehren, sondern weil sie die Sitten beobachten. Wer immer sich solche Beobachtungen leistet und dabei originell bleibt, kann gar nicht anders, als im Verhalten der Menschen die comédie humaine zu erkennen.

Aus Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeitwird hier auch die herrliche Geschichte vom Diplomaten Monsieur de Norpois abgedruckt, der bei Marcels Familie zu Gast ist. Man redet von "der Berma", einer Schauspielerin, für die Sarah Bernhardt Patin stand. Und dann kommt das Essen, gekocht von Françoise, der treuen Dienerin: "Das kalte Rind an Karotten machte seinen Auftritt, von dem Michelangelo unserer Küche auf riesige Kristalle von Aspik, gleich Blöcken von durchsichtigem Quarz, gebettet." Der Diplomat ist ein Gemeinplatz auf zwei Beinen, und man lernt bei Proust die ewige Wahrheit der Propaganda, "dass die Wiederholung all dessen, was alle Welt dachte, in der Politik kein Merkmal der Minderwertigkeit, sondern der Überlegenheit darstellte". 


Bernd-Jürgen Fischer (Hrsg.): Proust zum Vergnügen. Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 2017; 160 S., 6,– €.