Es geht um die Schilddrüse, dieses vielseitige Organ: Sie beeinflusst die Stimmung, das Körpergewicht und auch, ob einem der Schweiß ausbricht oder nicht. In einem Konferenzraum der ZEIT in Hamburg läuft die Stimmung an diesem Nachmittag etwas aus dem Ruder. Drei Expertinnen diskutieren erregt. Die Sonne brennt auf den Tisch, der Käse auf den Brötchen wellt sich, im Raum steht die Luft – und ein heikler Verdacht: Werden in Deutschland zu häufig Schilddrüsenwerte gemessen und zu viele Hormone verordnet? Sind die 75.000 Operationen im Jahr an diesem Organ überhaupt nötig – und geht es bei alldem immer mit rechten Dingen zu?

ZEIT Doctor: Schilddrüse ist hierzulande der meistgegoogelte Begriff im Bereich medizinischer Themen. Da besteht offenbar viel Unsicherheit und Informationsbedarf. Wie erklären Sie sich das?

Hausärztin: Auch in der Hausarztpraxis fragen wahnsinnig viele Menschen danach. Ich denke, das liegt daran, dass es riesige Listen mit Symptomen gibt, die von der Schilddrüse herrühren können. Und da steht fast alles drin, was jeder Mensch irgendwie hat: Gewichtszunahme, Gewichtsabnahme, Müdigkeit, Haarausfall, trockene Haut und vieles andere.

ZEIT Doctor: Was beklagen die Patienten vor allem?

Hausärztin: Die sagen: Ich bin total müde, können wir mal die Schilddrüse untersuchen? Und dann kennen sie noch jemanden, der nimmt Tabletten deswegen, o Gott. Was der genau hat, wissen sie gar nicht, aber schon die Vorstellung schürt Ängste. Dabei sind Schilddrüsenerkrankungen im Allgemeinen nicht gefährlich, und man kann sie gut behandeln. Aber das ist noch nicht angekommen.

ZEIT Doctor: Es ist häufig zu lesen, Schilddrüsenleiden seien eine Volkskrankheit.

Endokrinologin (Fachärztin für Hormone): Wahrscheinlich hat die Hälfte aller Menschen in irgendeiner Form etwas mit der Schilddrüse. Und jeder kennt einen, der auch etwas hat. Aber die leiden nicht alle, und die sind auch nicht alle krank. Am häufigsten haben die Menschen Knoten in der Schilddrüse, aber die sind meist völlig harmlos.

Hausärztin: Das Hauptthema in der Praxis ist aber die Unterfunktion, die Patienten sorgen sich, dass sie die haben, und möchten, dass wir nachgucken.

ZEIT Doctor: Ist es nicht eher der Arzt, der sagt: "Und dann könnte es natürlich noch die Schilddrüse sein"?

Gesundheitswissenschaftlerin: Genau, es sind die Ärzte, die Schilddrüsenwerte messen, in großem Umfang. Und sie setzen die Diagnosen in die Welt, so etwas wie die subklinische, also latente Hypothyreose. Da hat ein Patient ein wenig erhöhte TSH-Werte im Blut – also Werte eines Hormons, das auf eine Unterfunktion hinweisen kann. Aber das macht eigentlich nichts, und der muss auch nach allem, was wir jetzt wissen, nicht behandelt werden.

Endokrinologin: Na ja, man darf das Thema aber auch nicht bagatellisieren. Man muss schon im Einzelfall hinschauen, ob hinter den ganzen unspezifischen Symptomen eine Erkrankung steckt.

Gesundheitswissenschaftlerin: Da wird oft ein Zusammenhang zur Schilddrüse hergestellt, für den es keine wissenschaftliche Begründung gibt. Man sollte sich fragen: Wie kommt es überhaupt zu der Vorstellung, es handele sich bei leichten Normabweichungen um eine Volkskrankheit? Das fällt meines Erachtens in den Bereich des Erfindens von Krankheiten. Die Ärzte tragen hier große Schuld.

Hausärztin: Das liegt auch daran, dass der TSH-Wert stationär und ambulant ganz oft fast automatisch bestimmt wird – weil Schilddrüsenerkrankungen eben alles oder nichts bewirken können. Deshalb kreuzt jeder Arzt den Test mit an, dieses Kreuzchen ist schnell gemacht. Und meist steht später im Arztbrief drin: latente Hypothyreose. Und dann denken die Menschen, sie seien krank.

Gesundheitswissenschaftlerin: Ja, da klebt dann dieses Label an dem Patienten. Also sollte man von vornherein weniger messen.

Endokrinologin: Da sind wir uns wohl einig. Aber da ist auch die Erwartung des Patienten, der denkt, es sei besser, möglichst oft untersucht zu werden.

Hausärztin: Viele Privatpatienten bringen eine lange Liste mit zu ihrem Check-up. Da steht alles drauf, was die Kasse bezahlt, auch die TSH-Messung. Die Patienten sagen: Ich darf das, und jetzt möchte ich das auch alles haben. Da ist man als Arzt der Dienstleister und fängt an, zu informieren und zu hinterfragen. Aber der Patient, der fühlt sich ja bereits informiert von der Versicherung, die das als Service anbietet. Und viele denken auch, sie seien geschützt vor schlimmen Erkrankungen, wenn sie sich möglichst oft und gründlich durchchecken lassen. Aber das ist ein Trugschluss. Man findet eben auch Sachen, die gar keine Erkrankungen sind – und dann aber als solche behandelt werden.