Lehrer sind ein ziemlich uniformer Menschenschlag. Zu den dominierenden Merkmalen gehört, dass sie mit Eltern aufgewachsen sind, die Deutsch sprechen. Die selten am unteren Ende der sozialen Leiter harren. Und die Aus- und Einwanderung meist nur als etwas kennen, das in anderen Familien vorkommt.

Die Klassenlehrerin der 4a in der Volksschule Grubergasse in Ottakring passt nicht zu diesem Standardmodell der österreichischen Lehrerin. "Cigdem? Sie wollen auch zu Cigdem?" Immer wieder fällt dieser Name im Treppenhaus des großen Schulgebäudes, dem man sein Alter trotz Kinderdeko und Umbaubemühungen ansieht. Seit 15 Uhr läuft der Elternsprechtag, und bei Cigdem Sezgin stehen Väter und Mütter mit ihren Kindern Schlange. Die 29-Jährige trägt ein kornblumenblaues Shirt, einen langen, eng vom Scheitel herab geflochtenen Zopf und helle Sommersprossen. Vergnügt blicken die großen Augen durch das Gewühl im Schulhaus. Wenn Sezgin spricht, kommt ihr Geburtsort durch: Wien. Nur an ihrem Namen lässt sich herauslesen, dass die junge Pädagogin Tochter türkischer Gastarbeiter ist. Einen Unterschied mache das trotzdem, sagt Sezgin. "Frau Lehrerin, Sie kennen das eh." Solche Sätze höre sie oft von ihren Schülern, sagt sie. Und auch von deren Eltern.

Die Schule im 16. Bezirk gilt als Brennpunktschule, mit Kindern, die oft in prekären Umständen groß werden, die mit Problemen ins Klassenzimmer kommen und mit Schwierigkeiten, sich auf Deutsch auszudrücken. Von den 380 Schülern in der Grubergasse unterhalten sich nur 30 auch zu Hause, in ihrem Alltag, auf Deutsch. 36 verschiedene Muttersprachen treffen aufeinander, Serbokroatisch ist am häufigsten zu hören, gleich gefolgt von Türkisch. Das sprachlich-kulturelle Konglomerat in den Klassenzimmern ist in Ottakring zwar besonders groß, doch man kennt es längst im ganzen Land. Fast jedes vierte Kind wächst nicht mit Deutsch als Muttersprache auf, in Wien sogar jedes zweite.

Völlig anders sieht es hingegen in den Lehrerzimmern aus. Pädagogen wie Cigdem Sezgin, Lehrer mit Serbisch, Farsi, Rumänisch oder Türkisch als Muttersprache und mit Migrationshintergrund sind die große Ausnahme. "Die Lebensrealitäten von Schülern und Lehrern driften zunehmend auseinander", sagt Kenan Dogan Güngör. Der Soziologe und Integrationsberater spricht von einer Entfremdung, unter der Kinder und Eltern ebenso wie die Lehrer selbst leiden würden. Die eigentliche Parallelgesellschaft finde nicht im Klassen-, sondern im Lehrerzimmer statt, sagt Güngör und fordert deshalb: "Eine Heterogenisierung wäre ein Gebot der Stunde." Diese Maßnahme hat die OECD schon 2009 dem Bildungsministerium nahegelegt. Auch der Rat für Forschung und Technologieentwicklung greift das Thema in einer Studie über Migration, Integration und Bildung auf. Es wäre notwendig, heißt es dort, "mehrsprachige Personen beziehungsweise MigrantInnen für die PädagogInnenausbildung zu gewinnen".

Doch davon ist wenig zu spüren. Wie viele Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte es überhaupt gibt, wird nicht erhoben. Derartige Statistiken führe man nicht, lautet der Tenor im Bildungsministerium und beim Gros der Landesschulräte. Einzig Wolfgang Gröpel, Leiter der Abteilung für Pflichtschulen des Wiener Landesschulrats, spricht von einer internen Erhebung. Danach hätten etwa neun Prozent der 13.000 Pflichtschullehrer in Wien eine andere Erstsprache als Deutsch angegeben, Native Speaker als Fremd- und Muttersprachenlehrer bereits inklusive.

Es gibt zwei wesentliche Erklärungen für die wenigen migrantischen Lehrer. Einerseits schlägt sich die Chancenungleichheit in Österreich, wo Bildungsniveau und Sozialstatus über Generationen weitervererbt werden, einmal mehr nieder. So scheitern Bewerber bei den Aufnahmetests an den Pädagogischen Hochschulen (PH), die für die Ausbildung der Volksschullehrer zuständig sind, teilweise schon an den Deutschprüfungen, ist vonseiten der Hochschulen zu hören. Das erklärt zugleich, warum in Kindergärten schon eher Pädagogen mit Migrationshintergrund arbeiten.

Auch Cigdem Sezgin sagt, das Handicap, türkische Österreicherin zu sein, habe sie auf ihrem ganzen Bildungsweg zu spüren bekommen: "Gerade deshalb wollte ich dann Lehrerin werden." Dabei hatte Sezgin noch einen Startvorteil: "Meine Eltern konnten zwar kaum Deutsch, aber sie haben Wert darauf gelegt, dass ich eine gute Ausbildung mache." Doch das war nicht genug, wie Sezgin im Gymnasium erkennen musste. "Da bin ich einfach nicht mehr mitgekommen. Die Lernfächer waren nicht das Problem", erzählt sie. Sondern das, was man in Österreich unter höherer Allgemeinbildung versteht. Dinge, die Schulkollegen längst schon zu Hause zu Ohren bekommen haben, Literatur, die dort im Regal steht, Nachrichtenmeldungen und aktuelle Debatten, über die am Esstisch diskutiert wird.

Der zweite Grund für die mangelnde Vielfalt im Lehrkörper ist darin zu suchen, dass Lehrer nicht als besonders prestigeträchtiger Job gilt. Diese Berufswahl gilt nicht als erstrebenswerter Karriereweg und als gesellschaftliches Aufstiegsmodell im migrantischen Österreich. "Wer es aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien überhaupt bis zur Uni schafft, studiert lieber Wirtschaft oder Jus", sagt Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Universität Wien. "Zugleich gibt es an den Pädagogischen Hochschulen die geringste Zahl ausländischer Studierender, und auch deutlich weniger Studierende machen Auslandserfahrungen, etwa mithilfe von Erasmus." Die Folge, so Spiel: "Angehende Lehrer kommen in der Ausbildung seltener in Kontakt mit anderen Kulturen als andere Studierende."

Damit verfestigt sich die homogen-österreichische Lehrerschaft weiter – auch als Rollenbild. Unterrichten, so erleben es Kinder gerade in der Volksschule, sei ein Beruf für Frauen mit deutschem Namen. "Ich war oft die Einzige mit türkischem Migrationshintergrund", sagt Cigdem Sezgin. Das ist jetzt so, neben den 15 Klassenlehrer-Kolleginnen in der Volksschule Grubergasse, das war schon damals so, als Sezgin im 18. Bezirk aufs Gymnasium ging, und dann, als sie an der Pädagogischen Hochschule in Baden studierte.