Als Volker Quast zum ersten Mal an den Tatort kommt, sind alle Spuren schon lange verwischt. Die Lederschuhe des Hamburger Kriminalkommissars versinken im Matsch, auf seinen Mantel hat sich Sprühregen gelegt.

Ein grauer Donnerstag, außer Quast und seinem Kollegen ist der Parkplatz an den Boberger Dünen zwischen Mümmelmannsberg und Bergedorf menschenleer. Quast schaut hinunter zum See, hinauf zur Landstraße. "Hören Sie die Autos?", fragt er. "Wenn wir die hören, hört man dort oben auch Schreie von hier unten. Das stand nicht in den Akten."

Die Akten sind das wichtigste Arbeitsmittel von Quast und seinen Kollegen. Die beiden bilden die Cold-Case-Einheit, die neue Sondereinheit für ungeklärte Mordfälle der Hamburger Polizei. Quast, 59 Jahre alt, kräftige Statur, grauer Kurzhaarschnitt, arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Polizist. Mord und Totschlag, damit kennt er sich aus. Bearbeitet er einen Fall, führt er Zeugengespräche, überprüft Verdächtige, schreibt Berichte. Bei den Fällen, die er ab jetzt betreut, läuft es etwas anders. Die Zeugen sind oft alt, manchmal sogar schon tot. Die Tatverdächtigen ebenso. Und die Berichte lange geschrieben, auf Schreibmaschine.

Cold cases heißt auf Deutsch "kalte Fälle". Kalt werden sie genannt, weil sie ungelöst geblieben sind, nur wenige sich überhaupt noch an sie erinnern. Kalt sind sie aber nicht für diejenigen, die betroffen sind. Schwere Verbrechen verjähren nicht – vor allem nicht für Angehörige. Sie wünschen sich Aufklärung, um endlich Gewissheit zu haben. Um vielleicht so etwas wie Ruhe finden zu können. Nach all der Zeit.

An den Boberger Dünen geht es um einen Fall, der mehr als 40 Jahre alt ist. Am Abend des 11. März 1975 war das Wetter schlecht, der Parkplatz lag im Dunkeln. Gegen 19.30 Uhr hatte es sich ein Liebespaar in seinem Auto gemütlich gemacht, als ein bewaffneter Mann die Fahrertür des Wagens aufriss. Er zwang die Frau, ihren Freund zu fesseln. In diesem Moment kamen zwei Jogger vorbei. Der Täter wurde aufgeschreckt, schoss dem Gefesselten in den Rücken und verletzte ihn lebensgefährlich. Seitdem ist der Täter flüchtig, er wird gesucht wegen versuchten Mordes.

"Allein die Jogger zu finden ist ein riesiger Akt", sagt Quast auf dem Rückweg ins Präsidium. Wer ging in den Siebzigern schon joggen? "Vermutlich Männer, Frauen haben das doch damals kaum gemacht."

Vermutlich. Die Einheit hält sich an Spekulationen, man arbeitet mit Annahmen, in allen Bereichen. Mehrere Hundert Fälle von Mord und Totschlag hat die Hamburger Polizei nie aufklären können. Sie sollen nun systematisch überprüft werden. Quast und das Team führen dabei Vorermittlungen. Wenn sie neue Beweise finden, können sie bei der Staatsanwaltschaft die Wiederaufnahme der Ermittlungen beantragen. Sie haben eine Prioritätenliste erstellt. Ganz oben steht der älteste Fall, der in den Boberger Dünen.