Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Die Ökonomie kennt im Kern zwei Ordnungssysteme: die Marktwirtschaft und die Planwirtschaft. Dass Letztere gescheitert ist, haben uns die Herren Chávez und Matura in den vergangenen Jahren in Venezuela noch einmal demonstriert. Daran konnte auch die anfängliche Begeisterung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz nichts ändern. Der Versuch ist kläglich gescheitert, die astronomische Inflation von 800 Prozent zwingt die Venezolaner, nach Kolumbien zu gehen, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Nun kann man einwenden, dass es Europa mit der Marktwirtschaft besser gehe. Das ist nicht falsch, aber auch nicht richtig. Denkt man an die Staatsschulden, die hohe Arbeitslosigkeit, den fehlenden Wirtschaftsaufschwung, kommt man ins Grübeln. Das Problem ist, dass wir uns gar nicht in einer echten Marktwirtschaft befinden. Man hat sich der Illusion hingegeben, die Marktwirtschaft werde besser, wenn man sie nach eigenem Gusto zurechtbiege.

Als ich in den 1950er Jahren zu arbeiten begann, herrschte ein Vertrauensklima zwischen Unternehmern und Behörden. Das gibt es heute nicht mehr. Der beste Beweis dafür sind die Zehntausenden Seiten an neuen Gesetzen, die in den letzten Jahren erlassen wurden. Der akribische Versuch des Gesetzgebers – oder seiner Bürokratie, die all die Gesetze vorbereitet und Reglemente erlässt –, keinen noch so kleinen Freiraum zu lassen, ist eine Misstrauensvotum, ja, eine Demütigung für risikofreudige Menschen. Ganz so, als ob jeder Bürger und jede Bürgerin alles, was unreglementiert ist, sofort zu seinen und ihren Gunsten ausnutzen würden.

Man ist nicht mehr Steuerzahler sondern ein potenzieller Steuerhinterzieher. Man verhält sich nicht freiwillig korrekt, sondern muss mithilfe von Bürokratie und Paragrafen dazu gezwungen werden: Diese Denkweise erstickt die Freiheit und damit den Willen, sich unternehmerisch zu betätigen. Die Hürden sind so zahlreich, dass man am liebsten darauf verzichten würde, sich anzustrengen.

Viele der Geschäfte, die ich in den 1950er und 1960er Jahren gemacht habe, wären heute schwierig oder ganz unmöglich. Bereits 1995 hat der französische Intellektuelle Alain Peyrefitte in Economie de confiance dafür plädiert, wieder auf Vertrauen zu setzen. Ähnliches postulierte auf gesellschaftlicher Ebene der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama in seinem Buch Trust.

Wie kläglich wir mit der Reglementierwut gescheitert sind, zeigen jedes Jahr die Corporate-Social-Responsibility-Berichte der multinationalen Unternehmen. In Berichten, die dicker sind als ihre Geschäftsberichte, entschuldigen sie sich für ihr Tun und schwören, sich dabei gut benommen zu haben.

Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leser! Es werden Fehler gemacht, und das Benehmen von manchen Firmen ist schlicht unakzeptabel. Doch dies rechtfertigt nicht, alle in Sippenhaft zu nehmen und die Beweislast umzukehren. Der Unternehmer lebt nicht nur von Profit, sondern als Mensch auch von Anerkennung. Niemand mag es, wegen seiner Tätigkeit als Räuber verdächtigt zu werden.

Zurück zu den wirtschaftlichen Ordnungssystemen. Anthony Giddens hat einen dritten Weg zwischen Laissez-faire-Liberalismus und Sozialismus propagiert. Die Herren Blair, Schröder und Clinton haben sich daran versucht – und sind gescheitert. Alt-Bundesrat Kaspar Villiger taufte das "Sozialdemokratismus".

Wollen wir, dass die Wirtschaft wieder gedeiht, brauchen wir die Marktwirtschaft zurück. Und keinen demütigenden Abklatsch davon.