Das Bier, das Papst Urban VIII. im Jahr 1629 in Rom gereicht wurde, muss grauenhaft geschmeckt haben. Und das war gut so. Schließlich bestand die Absicht der Mönche aus dem bayerischen Kloster Neudegg nicht darin, den Pontifex von der Güte deutscher Braukunst zu überzeugen.

Das Ausgangsproblem der Mönche: Der katholischen Welt war nicht gestattet, sich während der vierzigtägigen Fastenzeit dem Konsum alkoholischer Getränke hinzugeben. Dieses Verbot hatte die Lebensfreude der Gottesdiener so sehr getrübt, dass sie beschlossen, mit ein paar Bieren im Gepäck über die Alpen nach Süden zu reisen und den Heiligen Vater um einen Gefallen zu bitten: Er möge, um das Kaloriendefizit abzumildern, ihnen erlauben, das selbst gebraute "flüssige Brot" auch in den schlimmen Wochen der Entbehrung zur Brust zu nehmen. Als sie allerdings in Rom eintrafen, war das Bier verdorben. Kaum hatte Papst Urban sich den Trunk einverleibt, soll es ihn der Legende nach so sehr durchgeschüttelt haben, dass im Reflex ein paar Worte von großer historischer Tragweite aus ihm herausbrachen: "Wenn sie so etwas trinken wollen, dann sollen sie es haben."

Die von höchster Stelle sanktionierte Erlaubnis, zechen zu dürfen, statt fasten zu müssen, beförderte die Bierkultur in Deutschland nachhaltig. Zum wiederholten Mal hatte damit päpstlicher Segen hierzulande weitreichende Folgen, auch außerhalb der Klöster. Wer in den kommenden Monaten durch den Süden des Landes streift, wird weitere Spuren finden, die nie entstanden wären, gäbe es nicht seit fast zwei Jahrtausenden Päpste, die herumreisen und einweihen, befehlen und intrigieren. Oder Knastjahre in Deutschland absitzen.

Scharen von Archäologen, Historikern, Philologen und Denkmalpflegern haben die Überbleibsel zusammengetragen – und nun gebündelt. Papstgeschichten im Südwesten heißt das Logbuch zum Navigieren durch 35 Orte. Diese Reisefibel ist der kulturtouristische Annex einer gewaltigen Ausstellung, die soeben in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim startete. Titel: Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt (zu sehen noch bis zum 31. Oktober).

Ausgerechnet im Luther-Jahr die ganz große Katholikensause – der vermeintliche Widerspruch ist keiner. Die Mannheimer Ausstellung beleuchtet nicht die Jahre seit der Trennung der beiden konfessionellen Subspezies, sondern die Zeit von Petrus bis zu den protzenden Renaissancepäpsten, als die Christenwelt noch mehr oder weniger aus einem Block bestand.

Die spannendste Geschichte ist eine Räuberpistole. Für die sorgte im 15. Jahrhundert Johannes XXIII. Es war eine an Intrigen reiche Zeit, als gleich drei Pontifices sich um den Stuhl Petri zankten. Beim Konstanzer Konzil sollte das Problem des Abendländischen Schismas gelöst werden. Der einzige Papst, der am Kirchenführungsseminar teilnahm, war dieser Johannes. Als er ahnte, dass seine Absetzung nahte, türmte er als Knappe verkleidet über die Stadtmauer, ward aber dingfest gemacht von König Sigismunds Truppen und erst im Heidelberger Schloss eingebuchtet (wo ihm das Essen nicht mundete) und dann noch zwei Jahre in Mannheim. Der Name Johannes XXIII. wurde von der Liste offizieller Päpste gestrichen und war für einen späteren Papst wieder frei.

In Heidelberg ist die einstige Bausubstanz des Schlosses heute über die ganze Stadt verteilt, vermauert im Wohneigentum der Heidelberger. Trotzdem mangelt es der Stadt nicht an Papstgeschichten. Gründung der Hochschule: Papst Urban VI. sei Dank. Die aus kultureller Warte traurigste Episode dreht sich um die Universitätsbibliothek, die "Mutter aller Bibliotheken" (Direktor Veit Probst). Nach der Eroberung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg gelangte die Bibliotheca Palatina als Kriegsbeute auf 200 Maultieren via München zu Papst Gregor XV. Von den mehr als 3500 Handschriften (und 13.000 Druckschriften) kamen zwar 1816 nach dem Wiener Kongress die 847 deutschsprachigen und einige an Paris weiterverschenkte zurück. Aber so richtig Zugriff auf die in der Biblioteca Apostolica Vaticana gebunkerten Ex-Heidelberger Schriften haben Bibliophile erst im neuen Jahrtausend erhalten, dank Digitalisierung.